Unterwegs mit dem „Andean Explorer“ zum Titicaca-See!

Samstag, 14.Mai 2011

Um 6h klingelt der Wecker – gut ausgeschlafen kann ich auch locker aufstehen! Ich freue mich sehr auf die Zugfahrt heute und bin ziemlich gespannt, was mich erwarten wird!
Frühstück ist heute richtig umfangreich – bin auch schon um 6.30h im Frühstücksraum! Wenn man nach 8h kommt, ist nämlich immer alles schon ziemlich abgeräumt! Leider habe ich wieder vergessen, meinen Fotoapparat mitzunehmen – im Speisesaal hängt nämlich ein riesengroßes Gemälde „Das letzte Abendmahl“ und dort läßt Jesus seinen Jüngern u.a. auch ‚cuy’ (also Meerschweinchen), Matetee und viele verschiedene Kartoffelsorten servieren :-)!!!

Schön, dass ich gestern alles schon fertig gepackt habe und auch schon bezahlt, so kann ich es heute ganz entspannt angehen. Pünktlich um 7h ‚fange’ ich mir ein Taxi vor der Tür und ab geht es zum Bahnhof. Es kostet wie immer 3 Soles, etwa 75 €Cent – alle Fahrten innerhalb der Stadt haben diesen Tarif. Ich habe auch nie erlebt, dass ein Fahrer versucht hätte, mehr zu verlangen – so waren die fehlenden Taxameter hier überhaupt kein Problem!
Am Bahnhof empfängt mich zum einen eine Uralt-Lokomotive und dann zwei äußerst nette Mitarbeiter, die sich sofort meines Gepäcks annehmen – wie es sich für einen Luxuszug eben so gehört :-)! Der steht auch schon bereit und ich kann gleich einsteigen (obwohl der Warteraum auch sehr gemütlich aussieht!). Der Zug heute besteht nur aus einem Waggon mit Plätzen für die Fahrgäste, einem Aussichts-/Bar-Waggon mit offener Plattform am Ende, einem Gepäckwagen-/Küchen-Waggon und der Lokomotive. Da die Fahrt nicht so ganz billig ist, lohnt es sich offenbar auch mit so wenigen Leuten – insgesamt waren wir nur 38 Fahrgäste! Das ganze Vergnügen kostete etwa 150 € für 10 Std. Fahrt (etwa 450 km) – darin enthalten ist aber auch ein kleiner Pisco Sour zur Begrüßung, ein (hoffentlich) gutes Mittagessen, alles mögliche Entertainment während der Reise und ein ‚Five o’Clock Tea’ zum Abschluß! Als ich den Waggon betrete, bin ich schon mal begeistert – sieht aus, wie im Orient-Express (sind auch Originalwagen aus den 20er-Jahren, die nur etwas ‚aufgemöbelt’ worden)!

In einem gemütlichen ‚Ohrensessel’ an einem Vierertisch kann ich Platz nehmen, zwei junge Männer (ein Deutscher und ein Brasilianer) werden später noch dazu gesetzt (und auch die Speisekarte präsentiert, damit wir unser ‚Almuerzo’/Mittagessen auswählen können. Es gibt auch Zweier-Tische, aber die sind alle von Pärchen besetzt! Die Tische sind mit cremefarbenen Tischdecken gedeckt und überall stehen frische Blumen! Die Toilette ist richtig groß – mit einem richtigen ‚Waschtisch’ und auch überall frischen Blumen! Im Bar-Wagen mit durchgehender Fenster-Verglasung sind gemütliche kleine Zweier-Tischchen aufgestellt, im Aussichtsbereich ist auch das Dach verglast und man kann am Waggon-Ende im Freien stehen! Das Wetter ist herrlich und da möchten natürlich viele diese Möglichkeit zum Fotografieren ausnutzen – in den (pieksauber geputzten) Fenstern spiegelt sich nämlich von innen aus alles und es ist kein vernünftiges Foto möglich! Aber richtig ‚vernünftig’ werden die Fotos auch im Freien nicht – das ‚Bähnle’ ruckelt und schuckelt ganz schön! Ich bin froh um meine ‚Segelboot-Erfahrung’, so kann ich zumindest ganz gut das Gleichgewicht hier halten – wenn auch nicht immer meine Camera einigermaßen ruhig…
Die erste halbe Stunde geht es erst ganz langsam durch Cusco und seine Außenbereiche. Hier ist trotz der frühen Stunde schon allerhand los, überall sind die kleinen ‚Frühstücksstände’ bereits geöffnet und werden schon fleißig frequentiert. Auch die ‚Möbelmeile’ ist schon voll gestellt mit diversen Möbelstücken – alles handgemacht, nix IKEA oder Konsorten! Dann geht es aber durch Viertel, die wahrscheinlich nicht viele Möbel brauchen, ehe wir dann in die freie Landschaft kommen!










Wie immer hier in Süd-Amerika auch hier und heute wieder ziemlich atemberaubend! Breite Flussbetten, hohe Berge, überwiegend landwirtschaftlich genutzte Flecken mit den dazu gehörigen Dörfern und Häusern und viele, viele Menschen, die dort beschäftigt sind! Darüber hinaus habe ich wieder einmal Glück mit dem Wetter – jetzt zumindest ist es noch herrlich weiß-blau, es soll oft regnen hier…Unmerklich, aber ständig geht es aufwärts – von 3.400m in Cusco fahren wir auf eine Passhöhe von ca. 4.400m, ehe es dann wieder ‚hinunter’ geht auf etwa 3800 m in Puno!

Entlang der Strecke sind schon viele Bauern bei der Arbeit! Überall wird geerntet oder es wird das Vieh auf die Weiden getrieben! Die Weiden sind oft abgeerntete Felder, auf denen Kühe, Schafe und manchmal auch Schweine sich am letzten Grün oder auch manchmal ‚Gelb’ laben! Fast überall wird hier Mais geerntet, der dann rund um die Häuser zum Trocknen ausgebreitet wird! Es gibt auch immer wieder kleine Dörfer oder auch Städtchen, die wir durchfahren – aber an den aufgelassenen Bahnhöfen wird nicht mehr angehalten (auch wenn es offenbar überall noch eine „Besatzung“ gibt) ! Überall, wo der Zug hindurch kommt, stehen Menschen und winken – offenbar ist es eine willkommene Abwechslung im täglichen Einerlei!















Bald schon kommen jetzt die ersten schneebedeckten Berge in den Blick und die Anbauflächen werden weniger – es ist zu kalt hier oben oder auch zu trocken! Aber es gibt immer wieder kleine Höfe, die auch dieser unwirtlichen Umgebung trotzen und der Natur mühsam das Lebensnotwendigste (und offenbar wirklich nur das!) abringen. Grundlage dafür ist immer eine Lamaherde – mehr als genügsame Tiere und genau für solche Höhen geboren! Trotzdem gibt es immer wieder Tragödien, weil es in manchen Jahren im Winter so kalt ist (oder unvermutete Wintereinbrüche stattfinden), dass hunderte von Tieren erfrieren (wie das im August 2010 der Fall war oder in diesem Jahr Anfang April!) – ein Großteil der Frauen und Kinder versucht dann, in der nächst größeren Stadt mit Verkauf von kleinen Handarbeiten oder Kräutern, die sie am Rand der Wege sammeln oder im Notfall auch mit Betteln vorübergehend den Lebensunterhalt für die ganze Dorfgemeinschaft zu verdienen, bis sich die Herden wieder einigermaßen regeneriert haben!



Nun nähern wir uns schon dem einzigen Stopp während dieser Reise – dem Pass „La Raya“ auf etwa 4300 m Höhe! Dort gibt es neben dem kleinen Bahnsteig eine große Kirche und einen bunten Markt (die Einheimischen lassen sich die Ankunft des Zuges, der im Winter 4x die Woche und im ‚Sommer’/Regenzeit 3x die Woche hier anhält) natürlich nicht zu ein wenig Nebeneinkünften entgehen! Leider lassen sich mit mir keine Geschäfte machen – für mich sind die ‚kleinen Begebenheiten’ am Rande des Marktes umso schöner! Und es sind eine ganze Reihe von Fahrgästen – vorwiegend aus den USA – dabei, die für mich mit einkaufen:-)!






Bald pfeift der Zug ohrenbetäubend – das Zeichen zur Weiterfahrt!

Aber nicht lange, dann kommt schon wieder ein Haltepunkt in Sicht! Aber diesmal ist es kein Bahnhof, sondern nur ein Ausweichgleis! Die Bahnstrecke ist nämlich zur Gänze nur einspurig und hier muß der jeweilige Gegenzug abgewartet werden! Bei dieser Gelegenheit wird auch das gesamte Personal ausgetauscht – so können die MitarbeiterInnen aus Cusco und Puno mit dem Gegenzug gleich zurück in ihre Heimatstädte fahren! Auch die Küchenbesatzung wird ausgetauscht – obwohl wir noch kein Mittagessen hatten…


Der Gegenzug kommt ganz pünktlich, der „Austausch“ geht fix vonstatten, es wird von den Gästen beider Züge bei der Abfahrt fleißig fotografiert und kurz danach wird zum Mittagessen geläutet! Die Mannschaften arbeiten offenbar wirklich gut zusammen – ein komplettes Menü, auf den Punkt serviert und toooootal lecker!

Weiter geht es über die Hochebene, zwischendurch gibt es Unterhaltungsprogramm – eine Kapelle von Einheimischen gibt peruanische Musik zum Besten, eine Tänzerin haben sie auch dabei!

Die Landschaft nimmt an Sehenswertem nicht ab und ich kann mich kaum vom Aussichtswagen trennen – aber es ist inzwischen ein wenig kühl geworden und dicke graue Wolken lassen Regen, wenn nicht gar Schnee vermuten :-(!

Wie passend, dass gerade jetzt ein kleiner ‚Lehrgang’ vom Barkeeper geplant ist, wie ein richtiger ‚Pisco Sour’, das Nationalgetränk Perus (gleich neben Chicha, dem halbvergorenen ‚Maisbier‘!), zubereitet wird.
Bis wir das alles erklärt bekommen haben und natürlich jede/r der Gäste einen zum Probieren gehabt hat, hat sich das Wetter beruhigt und der Himmel ist wieder strahlend blau (wenn nicht gerade dicke schwarze Qualmwolken von der Lokomotive ihn verdecken!).


Die Weiterfahrt lässt schon einiges vom nicht mehr allzu weit entfernten großen See erahnen – überall gibt es schon vereinzelt Wasserflächen zu sehen und die Bevölkerung nimmt wieder zu! Es erscheinen jetzt auch wieder mehr und mehr Kartoffel- und Amaranth-Felder zusätzlich zu den Lamaherden!

Hier ein paar Infos über den Titicacasee: Insgesamt wird er von 27 verschiedenen Flüssen gespeist (5 richtigen, die so gut wie immer Wasser führen und 22 kleineren, die während des Sommers oft trocken fallen), die alle vom Schmelzwasser verschiedener Gletscher in den Anden profitieren. Der Titicacasee ist der höchstgelegene schiffbare See der Welt und kann auch sonst mit allerhand beeindruckenden Zahlen aufwarten: Er ist etwa 16x so groß wie der Bodensee (190 km lang und 80 km breit) oder umfaßt 1/5 der Landesfläche der Schweiz, hat eine durchschnittliche Tiefe von etwa 100 m (max. 280 m), obwohl er so hoch liegt, friert er nie zu (Wassertemperatur, auch im Winter, ist immer um die 10 Grad), im See gibt es 5 natürliche Inseln und ungefähr 42 künstliche, nämlich die Schilfinseln, auf denen der uralte Stamm der Uros heute noch wohnt. Er hat nur einen Abfluss, der Rest der jährlich ‚verschwindenden’ Flüssigkeitsmenge fällt Verdunstung und Bewässerung zum Opfer! Etwa 60% dieses Sees gehören zu Peru, 40% zu Bolivien.

Wir überqueren inzwischen den ‚Ramis’, den größten seiner Zuflüsse! Hier sind ganze Völkerscharen zugange, die sich selbst, ihre Autos/Busse oder ihre Wäsche hier heute am Samstag waschen (und letztere gleich im Gras nebenan zum Trocknen auslegen!).

Viele von denen kommen wahrscheinlich aus Juliaca, der ‚Nachbarstadt’ zu Puno, die wir kurz danach durchqueren! Durchqueren im wahrsten Sinne des Wortes – die Höfe, Häuser, Straßen und (Samstags)Märkte reichen hier unmittelbar bis an die Schienen! Laut pfeifend schleicht sich unser Zug da hindurch, damit auch alle schnell ausweichen oder ihre Habseligkeiten von den Schienen räumen können!

Während der ‚Durchreise’ wird für uns Passagiere der 5-Uhr-Tee serviert – wirklich guter Tee und ein paar salzige und süße ‚Schmankerl’, auch das alles wieder sehr stilgerecht aufgetischt! Aber schon ganz schön pervers – bei all der Armut, die uns in den letzten Stunden umgeben hat :-(!
Draußen wird es dunkel – gerade noch im letzten Abendlicht können wir den See erkennen!

Die Einfahrt nach Puno wird genau so ‚laut pfeifend’ vorgenommen wie die Durchfahrt durch Juliaca, ehe wir wohlbehalten und ohne dass draußen jemand zu Schaden gekommen wäre, im Bahnhof einlaufen! Schnell wird das Gepäck ausgeladen und an die Besitzer verteilt und dann ist diese wieder mal wunderschöne Zugfahrt auch zu Ende!
Ich fange mir vor dem Bahnhof ein Taxi (hatte mich im Vorfeld in meinem gebuchten Hotel in bewährter Weise nach dem Preis erkundigt) und handle gar nicht lange – der Fahrer ist offenbar beeindruckt, dass ich mich auf keinen anderen Preis als 3 Soles einlasse (er hatte erstmal mit 15 Soles angefangen…) und akzeptiert meine „harte“ Haltung ganz schnell :-)!
Im Hotel angekommen, bekomme ich sofort an der Rezeption schon einen Cocatee serviert – mit gutem Grund: Mein Zimmer ist im zweiten Stock ohne Aufzug!!! Obwohl mein Koffer von einem Mitarbeiter hoch getragen wird, muß ich bei jedem Treppenabsatz schwer atmend Pause machen – 3800m Höhe fordern wieder mal ihren Tribut!!!

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