Ein Nachmittag in Sillustani

Montag, 16.Mai 2011
Für heute habe ich wieder einen Ausflug geplant – hat mir gestern Abend das Mädchen von der Rezeption empfohlen! Um 12h werde ich abgeholt, es geht nach Sillustani, zu den Begräbnistürmen der Colla, eines Aymara-Stammes, der heute jedoch rings um Salta und Jujuy in Argentinien siedelt! Sillustani liegt quasi gleich um die Ecke am Umayo-See (auf 3900m) – also es ist nur ein kurzer Nachmittagsausflug!
Ein Kleinbus bringt uns nach einer kurzen Fahrt durch die Stadt hoch auf die Ebene, wo wir ein Stück den Schienen des Zuges folgen! Dann geht es aber links ab, durch Bauernland,

vorbei auch an merkwürdigen Feldern! Es sind eigentlich mehr größere ‚Beete’ als Felder, die in regelmäßigen Abständen von Gräben umschlossen sind – wie uns unser Guide erklärt, wird in die Gräben nach der Aussaat Wasser geleitet und dadurch ein wärmeres Mikroklima erzeugt! Mit dieser Methode kann auch in dieser Höhe noch Getreide und vor allem Mais angebaut werden! Ganz schön clever…
Die Bauernhöfe hier haben ein ganz besonderes Aussehen – wie kleine Burgen sind sie von einer Mauer umgeben, innerhalb derer sich alle Häuser und Häuschen einer Familie befinden! Manche dieser Häuschen (die alle aus sonnengetrockneten Lehmziegeln gebaut sind) sehen aus wie aus einem afrikanischen Kral geholt – rund und mit Stroh gedeckt!
Bald schon kommt die Kirche von Sillustani in Sicht – es ist ein winziges Örtchen, dass jetzt ein wenig von den Touristen profitiert, die diese ausgedehnte Grabstätte besuchen! Es gibt einige Souvenirstände und ein Café-Restaurant. Aber bei einem so kurzen Tagesausflug gehen fast alle Besucher nur dort auf die Toilette, für mehr ist auch meist gar keine Zeit! Aber ein bisschen was wird wohl schon hängen bleiben!
Schon von unten sieht man diese `Begräbnistürme’, die Chullpas, überall auf den Hügeln verteilt! In diesen Türmen wurden jeweils die Mitglieder einer ganzen Familie begraben, wahrscheinlich waren sie jedoch nur höher gestellten Familien vorbehalten! Das Innere dieser Türme war aus Natursteinen ein wenig wie eine Gebärmutter gestaltet und die noch gefundenen Mumien waren auch immer in Form eines Fötus (ganz klein zusammen ‚gefaltet’ und mit dem Kopf nach unten) bestattet worden – das sollte eine Wiedergeburt einfacher machen! An einigen Türmen sind auch Eidechsen in den Stein graviert – weil die ihre Schwänze einfach so nachwachsen lassen können, galten sie als Symbol des Lebens! Die Chullpas haben immer nur eine Öffnung Richtung Osten – dorthin, wo jeden Tag die Sonne neu ‚geboren’ wird! Außen herum gab es eine ‚Schale‘ aus bearbeiteten Granitsteinen, die sich von unten nach oben ausweitete. Teilweise wurden auch unvollendete Türme gefunden – wahrscheinlich wurde schon früh angefangen, sie zu bauen, damit sie im Todesfall dann schnell nutzbar waren! Ahnen- und Familienkult spielten (und spielen immer noch) eine große Rolle bei den Aymaras!


Viele der Türme sind zerstört oder zumindest stark beschädigt, weil Grabräuber sie teilweise mit Dynamit gesprengt haben, um an die Grabbeigaben zu kommen!
Das Colla Volk lebte bis zum 15.Jh. in dieser Gegend, ehe sie von den Inkas unterworfen wurden und danach Richtung Süden weiter wanderten! Im Gegensatz zu den Inkas, die alle Formen von bearbeiteten Steinen für ihre Bauwerke nutzten, verwendeten die Collas immer nur rechteckige Steine (so wie auch die Tihuanakas in Bolivien!)!
Solche Türme wurden überall auf dem Altiplano gefunden, aber so gut erhaltene nur hier – man geht davon aus, dass die Inkas diese Begräbnissitten übernommen haben bzw. vielleicht sogar alte Türme für ihre eigenen Familien nutzten. Vielleicht war Sillustani zu der Zeit auch (noch) eine Insel, die nur als ‚Friedhof‘ genutzt wurde – das würde die Entfernung zu den (vermuteten) Wohngebieten der Collas erklären!
Mich erinnerte das Innere der Türme ein wenig an die ‚Nuraghen’ auf Sardinien…

Bei der Heimfahrt machen wir einen kurzen Stopp bei einem der seltsamen Bauernhöfe – unser Guide stammt aus Sillustani und er fällt mit uns schnell mal bei seiner Familie ein!
Es ist interessant, das Innere so einer ‚Hofburg’ zu sehen – und vor allem, wie bescheiden diese Menschen doch leben! Es gibt auch eine extra kleine ‚Burg’ für die Meerschweinchen der Familie – sie sollen es wohl schön gemütlich haben, bis sie dann irgendwann auf dem Grill landen (aber das ist ja bei uns für Stallhasen ähnlich…). Der Vorratsschrank der Familie ist minimal und als Brennmaterial werden getrocknete Kuhfladen verwendet – Holz gibt es hier oben ja so gut wie keins mehr!
Nach diesem Besuch sind wir alle im Bus bei der Weiterfahrt ziemlich nachdenklich – hier wurde einem mit Macht klar gemacht, wie privilegiert wir doch in Deutschland oder Europa leben!!

Während der Heimfahrt fällt die Dämmerung ein und irgendwo gar nicht weit scheint es zu regnen! Uns leuchtet jedoch ein fast voller Mond nach Hause!

Ich gehe heute noch in ein Restaurant zum Essen, das mir vom Hotel empfohlen wurde! Der Weg dahin führt mich durch eine Riesendemonstration gegen den aktuellen Gouverneur – der scheint die Interessen der kleinen Leute nicht richtig wahr zu nehmen! Es ist auch eine Menge Polizei unterwegs und so fühle ich mich einigermaßen sicher beim Weg durch die Menschenmenge!
Das Essen ist sehr lecker – ich habe auch einen Platz direkt am Gasofen ergattert! Es ist nämlich ziemlich kalt jetzt abends geworden, hat nur noch 4 Grad!

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5 Antworten zu Ein Nachmittag in Sillustani

  1. Helga schreibt:

    liebe Christine,
    total fasziniert verfolge ich Deine „Entdeckerreise“ in die entlegensten Gebiete unseres schönen Planeten. Hast Du eigentlich auch manchmal sowas wie „Heimweh“?
    Wünsche Dir weiterhin viel Energie und Freude.
    liebe Grüße
    Helga

    • Christine schreibt:

      Ja schon – manchmal :-)! Aber dann kommen wieder irgendwelche überraschenden Momente und schwupps – weg isses!
      Und es ist ja garnicht mehr lange, bis ich eh wieder daheim bin – hab ja ’nur‘ noch 4 Monate… LG aus (gerade in Yucatan angekommen) Mexiko!

  2. rothacher ursula + fritz schreibt:

    Hallo Christine, immer wenn ich deine Berichte lese bekomme ich Fernweh…aber dass du auch mal Heimweh hast kann ich mir gut vorstellen!!! Jetzt bin ich gespannt auf
    deine Mexikogrüsse, war ich doch eben gerade im Internet für evtl.Ferien in Mexiko!!!
    Ich wünsche dir weiterhin eine gute und spannende Zeit und vorallem das Wichtigste,
    bleib gesund!!!!
    Liebe Grüsse aus der Schweiz, Ursula + Fritz

  3. Heidrun Wenzel schreibt:

    Gruess Sie Christine, unglaublich, was Sie sehen und erleben. Meine Mittagspausen sind immer damit ausgefuellt, dass ich Ihre Berichte lese. Mendoza hat mir fast die Traenen in die Augen getrieben, habe ich doch so tolle Erinnerungen an meine Zeit dort. Passen Sie gut auf sich auf und weiterhin eine tolle Zeit. Aus dem winterlichen Namibia ganz liebe Gruesse, Heidrun Wenzel

    • grannyontour schreibt:

      Hallo, liebe Heidrun! Ja – es war wirklich unglaublich, wie abwechslungsreich und teilweise auch ein wenig abenteuerlich Süd-Amerika war! Im Nachhinein hätte ich dort noch viel mehr Zeit haben sollen! Das merke ich jetzt hier in Cancun – die Luft ist ein wenig ‚raus‘, ich muß diese Zeit erst mal verdauen und habe im Moment gerade keine gesteigerte Motivation, hier viel anzuschauen. Es bleibt bei ein paar kleinen Ausflügen hier und da und ansonsten ist jetzt einfach mal relaxen angesagt – aber das kann man ja hier ganz gut :-)! Mendoza war auch für mich eine ganz tolle Zeit – hing vielleicht auch ein wenig mit meinem superschönen Quartier dort zusammen! Ihnen auch alles Gute und ganz liebe Grüße vom Sommer in den Winter (es ist unglaublich, daß es schon fast wieder ein Jahr her ist, seit ich den namibischen Winter genossen habe!) Ihre Christine

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