Neue Gäste und Erfahrungen!

15.10.2010
Heute kommen neue Gäste an – ein junges Ehepaar aus Frankreich. Sie sind bis Broome geflogen und werden mit dem Mietwagen bis hierher fahren! Eigentlich wollten sie erst mittags ankommen, aber es ist ja nicht so weit und so stehen sie schon vor der Tür, kaum, daß wir unser Frühstück beendet hatten.
Da können wir dann gleich alle zusammen ins Dorf fahren. Jenny möchte noch das eine oder andere einkaufen und uns ihren Arbeitsplatz im Kindergarten zeigen! Wir Gäste wollen uns ein wenig umschauen, auch das ‚Art Centre‘ besuchen!
Die ‚community‘, also ‚Gemeinde‘ ist relativ groß, etwa 700 Einwohner – sowas ist im übrigen Australien normalerweise schon eine ‚town‘ – aber das ist eine andere Geschichte!
Der örtliche Supermarkt ist das kleinere Abbild der Coles, KMarts und Woolworths dieses Landes – die früher existierende Bäckerei und andere kleine Läden konnten der Konkurrenz natürlich nicht standhalten, was nicht unbedingt zum Vorteil der Gemeinde ist! Den größten Anteil haben nämlich die ‚fast food‘- und ‚convenience‘-Regale…
Es wäre dringend auch hier eine Beratung nötig bzw. eine Wieder-Hinführung auf die früher so gesunde Lebensweise der Eingeborenen! Es wird zwar von der Gemeindeverwaltung (alles Natives) streng darauf geachtet, daß das Alkoholverbot eingehalten wird – aber es wird nicht darüber aufgeklärt, warum der Alkohol so schädlich ist! Es ist wohl erwiesen, daß Aboriginal-Angehörigen ein bestimmtes Enzym fehlt, um Alkohol verstoffwechseln zu können – das ist der Grund dafür, daß schon bei einer sehr geringen Menge der Zustand der Volltrunkenheit erreicht ist, in dem dann die Kontrolle über alles verloren geht! Ähnlich ist es mit der stark steigenden Anzahl von Diabetes und Herzkrankheiten – keiner klärt darüber auf, daß das mit der Ernährung unmittelbar zusammen hängt! Und keiner fragt eben auch danach, warum sich 6-8jährige schon selbst mit Rasierklingen Wunden beibringen… Für alles das ist kein Geld vom Government vorhanden!
Ähnliches gilt auch für den Kindergarten! Jenny erzählte uns, daß dringend das Häuschen renoviert werden müßte, in dem die Tagesstätte untergebracht ist. Überall sind zwischen den Wänden oder zwischen Fußböden und Wänden in diesem Fertigteilbau offene Zwischenräume, die natürlich dem Staub der Wüste wie auch allerhand ‚Getier‘ freien Eintritt gewähren! Obwohl die 4 Mitarbeiterinnen dort jeden Tag gründlich sauber machen, wirkt es stets etwas schmuddelig. Aber Kinder in dem Alter ‚müssen‘ ja nicht unbedingt von zu Hause weg! Aber die, die die Tagesstätte besuchen dürfen, hängen über alle Maßen an ihren Erzieherinnen, wie wir überdeutlich im Supermarkt gesehen haben – mit dem Schrei ‚Miss Jenny‘ stürzten sich 4 kleine kids auf unsere Gastgeberin und klebten an ihr wie die Kletten!

Ich muß noch viel an den gestrigen Tag in der Schule denken! Es war soviel anders als es mir aus deutschen Schulen bekannt ist! Die Lehrer sind zwar während des Schulalltags den meisten deutschen gegenüber etwas im ‚Vorteil’, da sie in den Vorschul- und Grundschulklassen jeweils noch eine/n Assistent/in haben und nur etwa 20-25 Kinder unterrichten. Aber diese Kinder kommen aus 6 verschiedenen Aboriginie-Gruppen (die von anderen Teilen WA kommen und hier eine neue Gemeinde bilden mussten), die alle eine eigene Sprache haben. Das in der Schule gebräuchliche ‚Standard Australian English’ müssen die meisten Kinder erst in der Schule lernen, die unterschiedlichen Aboriginal Sprachen (meist mit einigen ‚brokenen english’-Worten vermischt) können die wenigsten Lehrer verstehen. Das ist eine Herausforderung für beide Seiten – mehr aber noch für die Kinder, die sich ja ständig in beiden Sprachen bewegen müssen bzw. auch in beiden denken! Drüber hinaus umfaßt die Altersklasse pro Schulklasse oft 2-4 Jahrgänge! Erschwerend ist natürlich, dass auch keine Aboriginal Lehrer beschäftigt sind. Warum das so ist, konnte mir Jenny nicht sagen. Es ist nicht vorstellbar, dass es keine geben soll – es gingen und gehen natürlich auch Aboriginie Kinder zu den Universitäten. Aber wahrscheinlich nicht so viele, wie gebraucht würden!

Manchmal vermutet man allerdings auch Methode dahinter – der örtliche Polizeiposten z.B. ist nur mit zwei weißen Polizisten besetzt, die mehr ihr ‚Macht’ zeigen, als wirklich verständnisvoll mit den Bewohnern umzugehen versuchen! Hier wären Natives, die auch über die eigenen Gesetze Bescheid wissen, oft sehr hilfreich! Der alte Ausspruch ‚two cultures, two laws’ wird auch hier deutlich – allerdings nicht gerade in einer positiven Ausprägung! Vermutlich sind die beiden jungen Polizisten aber auch nicht besonders auf diesen Dienst hier vorbereitet worden – schwierig für beide Seiten wahrscheinlich auch dies…

Die hier arbeitenden Lehrer sind jedoch alle hochmotiviert und es war überall eine sehr positive und ausgeglichene Stimmung zu spüren! Jeder der Lehrer möchte nur das Beste für diese Kinder und alle machen sich viele Gedanken und bereiten sich offenbar wirklich auf jede Schulstunde wieder neu vor! Eine Fülle von guten Ideen, wie diesen Kindern der Schulstoff aber auch ein Stück ‚moderne Zivilisation’ nahe gebracht werden kann, kommen hier zum Einsatz! Das Wichtigste jedoch ist die so liebevolle Zuwendung und konsequente Haltung der Lehrer! Obwohl überall sehr ernsthaft gearbeitet wird, herrscht immer eine äußerst relaxte Atmosphäre in den Klassen! Wie gern die Kinder die Schule besuchen, kann man jeden Morgen beobachten: Alle stehen schon mindestens 15 Minuten vor dem Klingelton drängelnd vor den Schultoren und stürmen begeistert den Schulhof bzw. ihre Klassenräume, sobald die Tore sich dann öffnen!
Die Ausstattung der Schule mit Material ist gut – es gibt einen sehr hohen Etat für alles Materielle, das die Lehrer benötigen. Aber das wäre ja alles nur totes Gut ohne die guten Einfälle und das überaus große Engagement der Lehrer! Mindestens so wichtig wäre allerdings ein Etat für Dinge, die man nicht greifen kann – wie z.B. einen Schulpsychologen…

Es ist sehr positiv, daß es für die herausfordernde Arbeit hier auch gute benefits gibt. Alle Lehrer, die in einer solchen ‚remote community’, also ‘abgelegenen Gemeinde’ unterrichten, erhalten einen Zuschlag von 10-15.000$ jährlich zum Gehalt, bekommen alle Umzugskosten bezahlt, 1-2 freie Flüge pro Jahr nach Perth, freies Wohnen incl. aller Haus-Nebenkosten und nach Abschluß der Tätigkeit – soweit sie länger als 4 Jahre dort gearbeitet haben – 5 Monate weitere Bezahlung! Ich hatte allerdings bei keinen, mit denen ich sprechen konnte, den Eindruck, dass sie ihre Arbeit nur unter diesen Gesichtspunkten machen – 4 Jahre könnten dann eine allzu lange Zeit sein!

Die Lehrer üben natürlich auch großen Einfluß auf die Eltern aus – sei es durch viele Gespräche über die Kinder, sei es durch das gute Beispiel. Eine Reihe von sehr bekannten Aboriginie-Künstlern kommt aus dieser Gemeinde, die inzwischen auch landesweite und teilweise sogar internationale Ausstellungen bereichern! Es ist sehr schade, dass so ein positives Beispiel nur im Verborgenen blüht. Die meisten Australier und mehr noch Besucher sehen ja nur die negativen Beispiele der betrunkenen Natives, die herumlungern, wenig auf ihr Äußeres oder ihre Umgebung achten und – meist nur gefühlsmäßig – eine Gefahr für andere darstellen! So wird das ja auch überwiegend in den Medien verbreitet… Und wer keine persönlichen Erfahrungen machen kann oder will, übernimmt solche Allgemeinplätze natürlich allzu gern und sieht nicht, dass die Mehrheit in ‚abgelegenen Gemeinden’ lebt und wir normalerweise nichts über ihr ‚normales Leben’ erfahren! Aber das ist ja nicht nur in Australien so!!!

Ein Besuch im Art Centre läßt mich doppelt bedauern, daß ich keine ‚Mitbringsel‘ sammeln kann – einige Bilder dort hätten mir zu gut gefallen! Aber der Plausch mit den Künstlern, die dort bei der ‚Arbeit‘ waren, ist mir ein ganz eigenes, spezielles ‚Souvenir‘!

Ich bin Jenny über die Maßen dankbar, daß sie mir einen ungefilterten Einblick in diese ihre Welt möglich gemacht hat! Diese Zeit und meine Erfahrungen hier werde ich mit Sicherheit nie vergessen!

Als wir von unserer Rundfahrt nach Hause kommen, sind da zwei junge Männer beschäftigt – die Air Condition wird gewartet. Das ist auch eine sehr positive Erfahrung hier – keiner sperrt sein Haus ab, wenn er weggeht! So konnten die Hausmeister schon mit der Arbeit beginnen ohne erst Zeit mit Warten zu vertun. Und jeder, der etwas vorbei bringen will, stellt es hinter der Haustür ab (vor der Haustür wäre es bald ein Opfer des Windes oder Sandes/Staubes!). Die regelmäßige Wartung (und wenn nötig Säuberung) der AC, der Elektrik etc. ist übrigens immer Sache des Hausbesitzers und in den Mieten hier schon enthalten! Mehr als beeindruckt hat mich jedoch, daß die beiden Handwerker alles blitzeblank wieder verlassen haben, als sie fertig waren!

Am späten Nachmittag machen wir noch einen Ausflug an den Lieblingsstrand von Jenny: Enjedina! Wir werden alle, inklusive der beiden kleinen Hunde von Jenny und dem großen von Karla, im Campervan untergebracht und los geht’s. Die Hunde sind schier außer sich vor Freude – scheinbar wissen sie, daß der Campervan unbegrenzte Freiheit bedeutet! Ich habe gerade zu tun, um sie einigermaßen zu bändigen. Corelie, die junge Französin, hat eine kleines Problem mit Hunden und so versuche ich, die drei von ihr soweit möglich fern zu halten! Als wir den Strand erreichen, geht gerade die Sonne unter – ein Foto von Jenny kann ich schnell machen, dann ist – wer hätte das gedacht – die Batterie leer. Und für diesen kurzen Ausflug habe ich natürlich keine Reserve mitgenommen!
Daheim gibt es Abendessen – ‚Corned Beef‘ mit Gemüse und Kartoffeln dazu! Das ist allerdings überhaupt nicht mit dem bei uns üblichen Corned Beef zu vergleichen! Es ist ein gepökeltes Stück mageres Rindfleisch, das gekocht wird – ein überaus köstliches und sehr gesundes Essen! Dazu gibt es Wein und viele Gespräche und Austausch über unser aller Erfahrungen als SERVAS-Gastgeber und -Gäste. Corelie und Gregory kommen aus der Nähe von Paris und können da eine Menge dazu beitragen…

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