24 Stunden im ‚The Ghan‘

5.12.2010

Heute Nacht hatte ich die Tür wieder auf gelassen und auch den Fan angestellt und dadurch eine wirklich gute Nacht!
Rosalie ist schon draußen im Garten zu Gange, als ich in die Küche komme! Da sie unter der Woche sehr engagiert allen möglichen Aktivitäten nachgeht, bleibt natürlich vieles fürs Wochenende zu erledigen.
Sie arbeitet in der Staatsbibliothek, ist nebenbei noch in einem Chor und in verschiedenen Musikgruppen (sie spielt Piano, Ukulele, Gitarre) und macht noch sehr schöne Linolschnitte, die inzwischen auch schon hoch gehandelt werden!
Sie ist ganz froh, wie sie sagt, dass sie mich zum Bahnhof fahren wird – so hat sie den restlichen Tag Zeit für alle die Arbeiten, die längst gemacht werden sollten. Ansonsten wäre sie mit Ian heute mitgeradelt und es wäre wieder alles liegen geblieben!

Der ‚Ghan’ fährt nicht am Hauptbahnhof mitten in der Stadt ab, sondern von einem Extra-Gebäude, das für ‚Ghan’, ‚Indian Pacific’ und ‚Overlander’ am Stadtrand gebaut wurde. Das kannte ich bereits von meinem längeren Aufenthalt bei meiner ersten Zugfahrt. Damals hatte ich mich gewundert, dass eine Stadt wie Adelaide so einen kleinen Bahnhof hat…
Großes Glück – beim Einchecken sagt mir die freundliche Zugbegleiterin, dass ich auch diesmal wieder ein Abteil für mich alleine haben werde. Wenn man das explizit möchte, muß man normalerweise 2 Plätze bei der Buchung bezahlen! Wenn man aber in Kauf nimmt, dass man mit jemand Fremdem ein Abteil teilen würde, zahlt man nur einen und hat dann vielleicht auch das Abteil für sich! Wie mir aber schon mehrfach gesagt wurde (und ich nun auch aus eigener Erfahrung weiß), ist der RedSleeper normalerweise nicht so dicht besetzt oder wenn, dann fahren Paare – also die Chance für relativ kleines Geld auch ein eigenes Abteil zu haben, ist stets relativ groß!
Diesmal sind auch einige deutschsprachige Paare, etwa in meinem Alter, mit unterwegs, eine ‚Männergruppe’ aus GB, ein Einzelreisender Australier und eine junge Mutter mit einer kleinen Tochter. Ein schweizerisches Paar lerne ich bereits auf dem Bahnsteig kennen, als sie mich bitten, eine Foto von ihnen vor dem Zug zu machen!
Nach einer kurzen Parade der Zugbegleiter geht es dann endlich los! Ein gutes Stück nach der Abfahrt noch mal durch die Stadt Richtung Norden, dann weiter durch ‚Gemüsebauern-Land’! Viele, viele ‚greenhouses’ säumen die Zugstrecke, Salat-, Mais- und Kohlfelder. Später nehmen den Platz neu angepflanzte Olivenhaine ein! Auch weiträumige Felder mit Sojabohnen sind zu sehen, bereits ausgereift und kurz vor der Ernte! Die Getreidefelder allerdings sind bereits abgeerntet oder die Ernte ist gerade in vollem Gang. Dann sind große Mähdrescher unterwegs, die ihren Körnerinhalt von Zeit zu Zeit in große runde, transportable Tanks abladen. Den Übergang in die Steppenlandschaft begleiten dichte Tuffs von wilden Artischocken!


Der Boden hier scheint sehr fruchtbar zu sein – wenn nur das Wasser normalerweise nicht so knapp wäre! Überall zeugen Windräder davon, dass es mühsam aus dem Untergrund heraufgepumpt werden muß (wenn das denn möglich ist…).
Wie uns durch den Zuglautsprecher mitgeteilt wird, hält der Zug nicht vor Adelaide – also 26 Stunden durchgehende Fahrt liegen vor uns! Ich richte mich gemütlich in meinem Abteil ein und bringe erstmal meine Texte auf Vordermann! Das ist eins der schönen Nebeneffekte bei so einer Zugfahrt – man kann in Ruhe Schreiben und dabei immer vom hochgelegenen Bett die Landschaft draußen mit betrachten!
Ach hier scheint es viel geregnet zu haben! Die kleinen Bäche und Flüsse, die man vom Zug aus sieht, führen alle mehr oder weniger Wasser!
Kurz vor der Ankunft in Port Augusta (was im australischen etwa wie „Pootau Kassta“ gesprochen wird!) teilt uns die freundliche Stimme am Zugmikrofon mit, dass wir hier doch anhalten werden, weil ein Fahrgast aufgenommen wird. Wir haben voraussichtlich 10 Min. Aufenthalt und könnten kurz aussteigen, wenn wir möchten. Na ja, darauf kann ich dann doch verzichten – viel zu sehen gibt es ja auch nicht. Port Augusta ist die einzige Stadt in Australien, wo das Outback ans Meer stößt – also roter Sand und Steppe ringsumher! Aber auch die Steppe ist grün und es blüht noch allerorten. Der Regen in diesem Jahr muß den Menschen (und vielleicht auch den Tieren) wie ein Wunder vorkommen!

Zum Abendessen wird kurz nach 6h gebeten – die Speisekarte ist die Gleiche wie im ‚Indian Pacific’ und ich wähle auch wieder die bewährte ‚Baked Potatoe’ aus. Beim Essen komme ich dann mit dem schweizerischen Paar näher ins Gespräch. Sie sind aus der Nähe von Bern und hier im Land jetzt einige Wochen unterwegs. Sie haben zwar alles von der Schweiz aus vorgebucht, reisen aber hier auch auf eigene Faust! Offenbar sind sie auch große Bahnliebhaber, denn auch sie sind schon die Strecke von Bangkok durch Malaysia nach Singapur gefahren und waren begeistert davon.
Vor dem Fenster spielt sich dann beim Dunkelwerden ein großes Spektakel ab – ein paar Gewitter begleiten uns in einiger Entfernung! Es blitzt überall, dazu eine goldenes Lichtermeer von der untergehenden Sonnen und dazwischen überall schwarze Wolkenfetzen! Schade, dass zum einen die Spiegelungen in den Fenstern ziemlich stark sind und zum anderen aber die Fenster auch so schmutzig, dass keine vernünftigen Fotos möglich sind!


Den Rest des Abends lade ich schon mal meine Fotos auf das Notebook und sortiere aus. Der ‚lounge car’ leert sich und auch ich werde bald müde – ich hatte zum Abendessen ein kleines Fläschchen Wein…
Nach einer kurzen Katzenwäsche an meinem ‚eigenen’ kleinen Waschbecken kuschel ich mich in mein gemütliches Bett und schlafe auch schnell ein!

6.12.2010

Heute ist Nikolaustag – und kein Mensch außer mir weiß scheinbar davon :-)!
Ich habe sehr gut geschlafen. Kein Wunder – wie ich bei einem kurzen Aufwachen gegen 2h gemerkt habe, stand der Zug irgendwo und es war totenstill um uns herum. Etwa um 5h setzte er sich wieder in Bewegung- Ich habe noch geschlafen bis etwa um 8h, wurde durch die Zugansage zum Frühstück geweckt und dass wir unsere Uhren zurück stellen müssen – wir haben jetzt wieder eine Stunde weniger Zeitunterschied! Also ist es ‚in echt’ erst 7h – schnell drehe ich mich noch mal um und schlafe ein schönes Stündchen weiter!
Die Dusche war heute noch unbenutzt – also schnell darunter gesprungen! Zähne putzen und Haare machen geht dann erst im Abteil – in den Duschen gibt es keine Waschbecken, sie sind auf das Nötigste beschränkt: An der Decke hängt ein Duschkopf (immerhin gibt es heißes und kaltes Wasser), unten ist ein Loch im Boden, von wo das Wasser auf die Schienen läuft (und es gibt eine schöne dicke Matte aus Gummigeflecht, damit man nicht direkt im Wasser steht!), ein paar Haken an der Wand und einen Vorhang rund um die Dusche, damit die Sachen, die auf den Haken hängen, nicht naß werden – fertig ist das ‚Zugbad’! Die Toiletten sind auch hier wieder am anderen Ende des Waggons.

Das Frühstück besteht aus Rühreiern mit Schinken und Toast! Tee und Kaffee gibt es ja für uns ‚Sleeper’, soviel wir möchten, kostenlos! Die armen Fahrgäste aus den Sitzwaggons müssen für jeden Becher 2,50$ bezahlen…
Nach dem Frühstück kommen dann wieder zwei Durchsagen: ‚Wir überqueren in Kürze die Grenze zwischen Süd-Australien und Northern Territory, ein Zeichen kann man auf der rechten Seite des Zuges sehen’ (haben wir leider verpasst!), dann ‚wir überqueren in Kürze den Finke-River, den ältesten Fluß der Welt. Es ist der einzige Fluß im australischen Outback, der ständig – einige Wasserlöcher führt, also nicht etwa ständig Wasser!’ Den konnten wir fotografieren, jetzt mit relativ viel Wasser und richtig als großer Fluß zu erkennen!

Das ist wirklich sehr hilfreich, dass man stets ‚vorgewarnt’ wird, wenn es irgendwas Besonderes zu sehen gibt! Auch werden hier wie auch schon im ‚Indian Pacifc’ immer wieder Dokumentations-Segmente ausgestrahlt, heute z.B. über „das größte Klassenzimmer der Welt, das Sie vor Ihrem Zugfenster sehen“: Ein Bericht über die Outback-Schule, die früher über Radio, inzwischen über das Internet abgehalten wird. Die Kinder in den abgelegenen und weit voneinander entfernt liegenden Stationen werden so unterrichtet. Jedes Schulkind hat vor Ort einen ‚tutor’, meist einen Elternteil oder ein größeres Geschwister, der mit Rat und Tat zur Seite steht – ansonsten wird der gesamte Schulstoff digital vermittelt. Der Anschluß der Farmen an das Internet wird vom Staat bezahlt, sobald ein Schulkind dort heranwächst. Die Idee für diese ‚radio schools’ hatten Ende der 40er Jahre ein paar Farmersfrauen, die es nicht in Ordnung fanden, dass ihre Kinder nicht die gleichen Bildungschancen hatten, wie die in Städten und Gemeinden! Das wurde damals vom Staat sehr positiv aufgenommen und schon 1951 eingeführt!




Dreimal im Jahr gibt es zentrale Zusammenkünfte aller ‚radio school’-Kinder für die Dauer von je einer Woche in Alice Springs. Dort können sie sich entweder erst mal kennen lernen oder auch wiedersehen, gemeinsam spielen und miteinander ihre bisher erworbenen Kenntnisse überprüfen und austauschen.
Alle Eltern versuchen natürlich, ihren Kindern diese Teilnahme zu ermöglichen – auch wenn sie noch so weit vom Alice Springs entfernt wohnen! Das sind dann die ganz großen Höhepunkte des (Schul)jahres!
Als wir den ‚Iron Man‘ passieren – ein Standbild, daß zum Gedenken an die vielen Arbeiter aufgestellt wurde, die beim Bau der Ghanstrecke und deren Instandhaltung umgekommen sind –

sehen wir dann die ersten Ausläufer der ‚McDonnel Ranges‘, der Bergkette, die vor Alice Springs noch überwunden werden muß!
Bevor wir die Stadt endgültig erreichen, geht es aber durch ein enges ‚Felstor’ durch diese Bergkette. Dieser lange Gebirgszug würde Alice Springs vom total vom Süden her abriegeln, wenn der Todd River sich nicht einen Weg durchgegraben hätte. Inzwischen ist dieser ‚Weg‘ natürlich verbreitert worden und neben den Schienen geht auch der ‚Stuart Highway’, die große Verbindungsstraße von Adelaide nach Darwin, da hindurch!



Kurz vor der Ankunft werden wir vorgewarnt, dass die Außentemperatur jetzt mittags bereits bei 41 Grad liegt und wir unbedingt Sonnenhüte, Sonnenbrillen und möglichst langärmelige Blusen/Hemden tragen sollen und uns gut gegen die Sonne eincremen!

Der Bahnhof liegt auch hier, wie meist bei dien beiden großen Zügen durch den Kontinent, etwas außerhalb. Wir haben jedoch schon im Zug erfahren, dass es einen Shuttlebus in die Stadt gibt!


Ich versuche gleich bei der Ankunft meine SERVAS-Gastgeber zu erreichen. Sie arbeiten beide tagsüber und können mich erst am späten Nachmittag irgendwo ‚aufklauben’. Claudia ist auch gleich am Telefon – ziemlich aufgeregt, sie musste ihre Tochter gerade in die Klinik bringen! Ich biete ihr an, dass ich mir dann doch in der Stadt ein Zimmer suche, aber davon will sie nichts wissen! Ich soll schon mal in die Stadt hineinfahren, dann wird sie mich noch mal anrufen. Ich lasse mich vom Shuttlebus vor der Touristeninformation absetzen – meine Prepaid-Karte ist gleich leer und ich hoffe, dass ich dort eine Neue kaufen kann. Aber leider habe ich da Pech gehabt, aber falls nötig, kann ich von deren Telefon aus telefonieren. Es würde sich ein kleiner Rundgang anbieten, es ist alles ‚um die Ecke’, aber leider haben sie keine Schließfächer o.ä. – und mit dem ganzen Gepäck möchte ich nicht durch die Stadt spazieren. Aber Claudia ruft auch kurz danach an und sagt mir, dass ihr Mann mich gleich abholen und nach Hause bringen wird. Er muß dann zwar gleich wieder zurück in die Stadt, aber der Sohn und ein Neffe sind daheim – ich werde also Gesellschaft haben!
Daryl kommt dann auch ein paar Minuten später, zusammen mit dem 13-jährigen Sohn Jackson. Beide äußerst sympathisch und sehr nett – schon bei der Fahrt nach Hause sind wir in ein lebhaftes Gespräch vermittelt. Das Haus liegt sehr weit außerhalb! Für einen normalen Aufenthalt wäre unbedingt ein Auto notwendig. Aber ich habe mich ja schon ab morgen früh für einen 3-tägigen Ausflug Uluru – Kata Tjuta und Kings Canyon angemeldet. Der Donnerstagabend wird dann sowieso mit Erzählen ausgefüllt sein und am Freitag kann ich ja mit einem meiner beiden Gastgeber in die Stadt fahren und mich dort ein wenig umsehen!
Ein sehr hübsches Haus erwartet mich – alles von Daryl selbst gebaut. Es ist überall blitzeblank und auf mich wartet ein kleines eigenes Zimmer. Der Neffe Hayman ist ein charmanter junger Mann, mit dem zusammen ich mir später einen herrlichen Tierfilm im Programm von ‚National Geographic‘ anschaue. Die Tochter ist wegen einer akuten Sepsis in die Klinik eingeliefert worden, man weiß aber noch nicht, was die Ursache dafür ist. Daryl verschwindet daher gleich wieder zurück in die Stadt zu den beiden Frauen ins Hospital.

Die beiden jungen Männer bereiten das Abendessen für uns alle vor – leckerer Schweinebraten mit Kartoffeln und Gemüse. Danach gäbe es noch Eis, aber darauf muß ich leider verzichten – ich bin total satt! Beim Essen und danach erfahre ich, dass der Vater ein Maori aus New Zealand und die Mutter eine Samoanerin ist. Jackson hat hellbraune Haut und den Kopf voller langer dunkelblonder Löckchen, Hayman ist allerdings seine Herkunft nicht anzusehen – wie ich dann später erfahre, ist seine Mutter eine Europäerin. Lange bleibe ich jedoch nicht auf – ich muß morgen bereits um 5h aufstehen!

Advertisements

Eine Antwort zu 24 Stunden im ‚The Ghan‘

  1. Sohn #2 schreibt:

    Muaterl,
    laut Deiner Datumsangabe bist Du schon 2011 unterwegs.
    Da solltest Du aber auf alle Fälle nochmal kurz in good old Europe vorbeischauen 😉

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s