Potosí – eine Legende!

Samstag, 30.4.2011
Heute geht es also nach Potosí! Im 17.Jh. galt sie als die reichste und größte Stadt der Welt (etwa 150.000 EW, heute etwa 160.000) und liegt auf etwa 4000m Höhe. Damit ist sie auch heute noch eine der höchstgelegenen Städte der Welt!
In Potosí wurde und wird am Cerro Rico, dem ‚Reichen Berg‘ vor allem Silber abgebaut. Diese Mine gilt weltweit als die größte Silberader, die weltweit jemals entdeckt worden ist. Im frühen 18.Jh. wurde hier mehr Silber gefördert, als in allen anderen Silberminen weltweit zusammen. Aber für was für einen Preis – man geht davon aus, daß am Cerro Rico bisher etwa 8 Mio. Bergarbeiter zu Tode kamen! Heute ist die Silbermine so gut wie erschöpft. Trotzdem arbeiten noch einige tausend ‚mineros‘ im wie ein Schweizer Käse ausgehöhlten Berg. Die Erlöse sind gering, die unter menschenverachtenden Bedingungen dort erwirtschaftet werden. Allein 800 Kinder im Alter zwischen 10 und 14 Jahren sind dort beschäftigt. Es gibt einen guten Dokumentarfilm darüber „Mineros del Diablo“, der gute Informationen darüber liefert. Heute wird in der Gegend rund um Potosí mehr Zink abgebaut, die Stadt verändert sich aber gerade hin zu einer eher touristischen Stadt – die noch vorhandenen alten, teilweise sehr beeindruckenden Gebäude in der Stadt und die Berge ringsum ziehen einige Touristen an und auch die inzwischen entdeckten heißen Quellen werden vermarktet. Im Übrigen ist es die Hauptversorgungsstadt für de auf der Puna-Hochebene gelegenen Landgemeinden. Aber Potosí gilt heute als eine der ärmsten Städte in Bolivien!
Pünktlich um 8h holt uns der von Jaqueline vermittelte Taxifahrer ab. Die beiden holländischen ‚Meisjes‘ setzen sich in den Fond, ich sitze neben dem Fahrer. Der spricht zwar ein paar wenige Brocken Englisch, aber zu einer einigermaßen informativen Verständigung müssen wir drei dann doch unsere Spanisch-Brocken zusammenklauben…
Wir haben Glück, es ist traumhaftes Wetter für die Fahrt durch die Berglandschaft rund um Sucre – Potosì ist etwa 150 km entfernt!
Durch reichlich gewundene Straßen und in tiefen Flußbetten und Canyons entlang geht es forsch unserem Ziel entgegen! Unser Fahrer will uns wohl zeigen, wie gut er fahren kann! Wir müssen richtig nachdrücklich werden, damit er ab und zu ein wenig langsamer fährt oder sogar mal kurz anhält, damit wir ein wenig fotografieren können.


Und es gäbe viel zu Fotografieren – die Landschaft wie immer ziemlich abwechslungsreich und auch mit einigen Highlights! Das breite Flußbett wird oft nur mit kleinen Hängebrücken überspannt, manchmal nur für Fußgänger geeignet. Plötzlich sehen wir uns jedoch mit einer Brücke konfrontiert, bei deren beiden Brückenpfeilern wir erst denken, daß es sich um kleine Schlößchen handelt…
Langsam, aber stetig arbeiten wir uns aus dem „Tal“ auf etwa 3000m hoch hinauf auf das Plateau, auf dem dann Potosí liegt! Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie umfangreich diese Hochebenen hier landwirtschaftlich genutzt werden! Auch hier sind überall Einzelgehöfte und kleinere oder größere Dörfer zu sehen! Die Ebene ist wie ein Stoffstück in bunten Quadraten gemustert, manchmal zieht sich das ‚Muster‘ sogar die steilen Berghänge nochmal höher hinauf!
Es geht weiter über abwechslungsreiche Straßen, gesäumt von wunderbaren Felsformationen oder durch tief eingeschnittene Schluchten! Eine ganze Weile schon ‚begleiten‘ die Straße Eisenbahnschienen – aber leider wird die Strecke nur von Güterzügen bedient. Das könnte ich mir auch als eine herrliche Touristenstrecke vorstellen – es gäbe viel zu sehen und beeindruckende Landschaftsformationen zu durchfahren!

Nach garnicht so langer Zeit sehen wir plötzlich schon das erste Mal den Gipfel des ‚Cerro Rico‘ über die anderen Berge und Hügel spitzen! Und dann nähern wir uns mit Riesenschritten unserem Ziel! Kurz vorher fahren wir an einem großen Industriekomplex vorbei – einer Aufbereitungsanlage für das geförderte Silber- und Zinkerz! Dann aber empfängt uns schon das imposante ‚Stadttor‘ von Potosí! Bei näherem Ansehen sieht es eher wie eine Baustelle aus – auch hier ist wohl das Geld zu früh ausgegangen! Ist aber auch ziemlich unvorstellbar für mich, daß das sowieso hier überall zu wenig vorhandene Geld für solche absurden Bauwerke auszugeben – die noch dazu überhaupt keinen sinnvollen Zweck haben!
Der Blick auf die Stadt dahinter läßt ahnen, wie arm diese blühende Metropole jetzt in der Neuzeit geworden ist! Die Häuser sehen oft nur mehr als behelfsmäßig aus! Erst, als wir uns dem Zentrum nähern, kann man an den noch zahlreich vorhandenen Kolonialbauten ein wenig erkennen, wie reich diese Gemeinde gewesen sein mag! Die moderne Entwicklung bringt natürlich – auch wenn die Mehrheit der Menschen hier überdimensional arm sind – auch eine Menge Verkehr mit sich! Das ist nicht nur störend für die Bewohner (durch die extreme Abgas- und Lärmbelastung), sie macht sich vor allem an den Straßen und Gebäuden (tiefe Schlaglöcher und Risse an den Häusern) bemerkbar! Für Fußgänger ist es geradezu fast lebensgefährlich, da es -wenn überhaupt- meist nur mehr als schmale Bürgersteige gibt!
Aber über das alles wird hier heute überhaupt nicht nachgedacht – heute ist Fiesta hier, wie wir feststellen, als wir auf den Hauptplatz einbiegen möchten! Hier geht jetzt garnichts mehr und unser Fahrer beschließt, daß er das Auto irgendwo versucht zu parken und wir uns schon mal die alte Münze anschauen sollen!

Die ‚Münze‘ ist die älteste der Welt! Hier wurden im 17. und teilweise noch im 18.Jh. selbst die Münzen für die damaligen europäischen Königs- und Kaiserreiche geprägt! Sie war in einem riesigen unüberschaubaren Gebäudekomplex untergebracht, der heute ein interessantes Museum beherbergt. Hier sind alte Prägestöcke zu sehen, die von überwiegend versklavten Indios und teilweise auch Schwarzen aus dem Kongo bedient wurden bzw. von Eseln, Maultieren oder Ochsen in Betrieb gehalten! Hier wurde aber selbst das Ausschmelzen des Silbers vorgenommen, es in Barren gegossen und weiter verarbeitet nicht nur zu Münzen, sondern auch zu Gebrauchsgegenständen, Schmuck und selbst zu Bischofsmützen! Die Münzprägung wurde im 19.Jh so gut wie beendet! Nach diesem interessanten Rundgang verlassen wir dieses Museum und treffen uns wieder mit unserem Fahrer, der mit uns jetzt in ein Restaurant zum Mittagessen fährt! Es ist nichts Besonderes, aber eine heiße Suppe tut jetzt gut – in Potosí ist es frisch!
Danach geht es gemeinsam zur großen Fiesta! Vorbei an wieder hübschen Gebäuden und an einer „Kirche“, die nur noch aus der Front und dem Turm besteht, gehen wir zu dem Platz, wo sich alle Teilnehmer für den großen Fiesta-Umzug versammeln! Wir sehen die aberwitzigst dekorierten Autos und hunderte von farbenfroh gekleideten Menschen – was für ein Erlebnis!
Auch die Feuerwerkskörper dürfen bei diesem großen Fest heute natürlich nicht fehlen Überall stehen Musikkapellen herum und sammeln sich die Teilnehmer!


Nach soviel Farben- und Lebensfreue gehen wir jetzt Richtung einer Kirche – die Besinnlichkeit soll ja auch nicht zu kurz kommen! Vorbei an einem Auto aus Abu Dhabi!!! einer der eher fürchterlichen Bausünden hier und einem übrig gebliebenen Weihnachtsbaum geht es zu einer schönen alten Kirche in der Nähe, wo wir auch das dazu gehörige Kloster besichtigen können!

Nachdem wir längere Zeit auf die Custodin warten mußten, stellen wir fest, daß diese überhaupt kein Wort Englisch spricht und alles Informative in einem rasanten Spanisch herunter rasselt, so daß wir überhaupt nichts verstehen können! Wir haben sowieso den Eindruck, daß sie keine besonders große Lust hat, uns hier herum zu führen – wir scheinen ihr ordentlich lästig zu sein! Das ändert aber nichts daran, daß es in der Kirche viel zu sehen gibt! Eine prachtvoll bemalte Decke und prachtvoll dekorierte Wände, eine kunstvoll geschnitze Kanzel und ein überaus reich dekorierter Altarraum erwarten uns!
In der Sakristei sind alle Pfarrer und Äbte der Kirche begraben – der Holzboden ist übersät mit ‚Türen‘, die die einzelnen Gräber verschließen, man geht also ständig auf den Gräbern entlang! Im Kloster, daß heute noch als kleines Frauenkloster betrieben wird, gibt es einen als Museum ausgebauten Trakt. Hier gibt es von Liturgiekleidung und -gerätschaften aus den letzten vier Jahrhunderten auch jede Menge Kruzifixe in allen Größen und Jesuskinder in überaus reichlich bestickten Kleidungen auch aus all diesen Zeiten zu sehen. Dann gibt es aber auch Räume mit Erinnerungen aus dem Klosterleben und die alte Klosterküche zu sehen! Das Ganze ist um einen wunderhübschen, sehr gepflegten Innenhof gruppiert!



Auf dem Weg zurück zum Auto treffen wir überall noch auf feiernde Menschen – ein kleiner Platz ist zur Gänze mit Flipper-Tischen vollgestellt und die Jugend der Stadt drängt sich drum herum!
Bei diesem Trubel macht es auch keinen Sinn, nochmal ins eigentlich sehr sehenswerte Zentrum zu fahren – wir beschließen, den Weg zurück anzutreten. Neben dem Stadttor halten wir nochmal an, um einen letzten Blick auf die Stadt zu werfen! Beinahe stolpern wir in einen gemauerten Schweinekoben, der direkt vor dem Aussichtspunkt steht!

Bei der Mautstation empfangen uns schon wieder die Verkäuferinnen mit allerhand Eß- und Trinkbarem – wir verzichten, aber unser Fahrer deckt sich für die nächsten zwei Stunden ein. Manchmal habe ich hier in Bolivien den Eindruck, daß die vielen Maut- und Kontrollstellen nur für diese Händler/innen eingerichtet wurden – ein Vielzahl von Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern ist damit beschäftigt und findet dadurch wohl auch ihr Auskommen! Die Einheimischen kaufen bei ihnen auch fleißig ein – sei es aus Langweile beim Anstehen, sei es aus einem wirklichen Bedürfnis heraus.


Jetzt geht es wieder durch diese grandiose Landschaft zurück – auf der Rückfahrt sieht vieles wieder ganz neu aus, was doch so eine veränderte Perspektive manchmal so ausmachen kann!





Ein unterhaltsamer Tag geht zu Ende – auch wenn wir leider vieles, was wir uns anschauen wollten, nicht gesehen haben! Dafür war jedoch das ‚Mittendrin‘ in der Fiesta ein Erlebnis, das wir so nicht erwartet haben und auch normalerweise nicht geboten bekommen! Also alles in allem – herrlich!

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