La Paz zum Ersten!

Mittwoch, 13.4.2011
Heute geht es also in das zweite Land meines südamerikanischen Abenteuers – Bolivien!
Der frühe Flug hat sich gelohnt – so bin ich am frühen Nachmittag schon in La Paz! Vorher hatte ich jedoch einiges Abenteuerliches auf diesem Flug zu erleben – die LAN Chile hat sich hier selbst übertroffen! Aber Genaueres darüber findet Ihr auf einer Extra-Seite hier!

Der Landeanflug in La Paz war einer der schönsten bisher! Fast in Augenhöhe mit den eisgekrönten 6000ern der Anden ging es dann über vermeintlich flaches braunes Land, übersät mit unzähligen Häusern, Kirchen und kleinen Hütten (was ich irrtümlicherweise für La Paz hielt!) hinunter! Die Immigration ging zügig, die freundlichen Beamten wollten nur wissen, wie lange ich bleiben und was ich mir in Bolivien alles anschauen möchte! Das Gepäck war auch schon am Anrollen – dann also hinein ins Abenteuer!
Sofort am Ausgang wurde ich von unzähligen „Taxi? Taxi?“-Rufen bestürmt. Nein danke – da ich wusste, dass in Bolivien (wie übrigens auch in Peru), die Taxis keine Taxameter besitzen und es immer Verhandlungssache ist, was eine Strecke kostet, rufe ich erstmal im reservierten Hostel an und frage, wie ungefähr der Tarif vom Flughafen zu ihnen ist. Er sagt, auf keinen Fall mehr als 50 Bolivianos! Also gut – den nächsten Taxifahrer, der mich dann anquatschte, fragte ich: „Wie viel?“ 100 Bolivianos! Nein, ich bezahle nicht mehr als 50! Auch gut, also 50! Na, das ging ja jetzt leicht – gut, dass ich mich vorher informiert hatte!
Erst jetzt merke ich, dass die „Stadt“, in der ich gelandet war, noch nicht das ‚richtige’ La Paz war! Es ging nämlich steil hinab in einen tiefen Canyon! Das eben war ‚El Alto’ (so heißt übrigens auch der Flughafen der Stadt), nur ein Stadtteil von La Paz auf der Hochebene, bewohnt überwiegend von der ärmeren bis ganz armen Bevölkerung! Das machte es für mich jedoch besonders interessant – wurde ich doch bei der Taxifahrt mit sovielen traditionell gekleideten Indio-Frauen konfrontiert, dass ich gar nicht wusste, wohin ich zuerst schauen sollte! Der nette Taxifahrer hielt bei der Talfahrt 2x an, damit ich den tollen Blick über die in alle möglichen Seitencanyons und die Hänge hinauf und hinunter sich ausdehnende Stadt ausgiebig genießen konnte! [caption id=“attachment_4586″ align=“alignleft“ width=“300″ caption=“Es geht steil hinunter nach La Paz!“ Vor dem Hostel angekommen, erwartet mich eine mehr als schmucklose Fassade und eine Tür mit dem Hinweis: Bitte klingeln! Also tue ich das, die Tür springt auch gleich auf und der Blick ist frei auf eine steile Treppe! Es kommt mir aber schon ein Mann entgegen, der sich Koffer und Rucksack schnappt und mir bedeutet, ihm zu folgen! Und jetzt merkte ich plötzlich mit Urgewalt, dass ich mich in ungefähr 3500m Höhe befinde – zwei kurze, wenn auch steile Treppen bringen mich völlig außer Atem! Ehe es an die Anmeldung geht, wird mir erst einmal eine große Tasse Mate de Coca, also Tee aus Cocablättern hingestellt! Als ich wieder einigermaßen reden kann, erfahre ich, dass das Hostel ein Familienunternehmen ist: Es gehört Vater, Mutter, 2 Söhnen und einer Tochter. Der Vater, einer der Söhne und die Tochter führen das Hostel und sind wechselweise an der Rezeption beschäftigt – hier und jetzt ist es der Sohn, mit dem ich spreche!
Mein Zimmer ist noch ein Stockwerk höher, klein und geht zur Straße hinaus, ist aber mit einer Art geschlossenem Laubengang zu dieser noch abgeschirmt. Was für ein Vorteil das ist, merke ich erst abends – der Verkehr scheint kein Ende zu nehmen und die Lieblingsbeschäftigung der bolivianischen Autofahrer ist offenbar Hupen! Immer nur ein kurzes Antippen der Hupe, um das sich aber kein anderer Verkehrsteilnehmer kümmert und wenn das alle machen, ist es eine ständige Berieselung! Der Straßenverkehr ist total chaotisch! Bei roter Ampel bleibt vielleicht 1 von 5 Autos wirklich stehen, es wird aberwitzig überholt und sich vorgedrängelt, auf 2-spurigen Straßen haben locker 4 Autos nebeneinander Platz (wenn man nur immer wieder hupt :-)) und Fußgänger sind offenbar Freiwild! Na, das kann ja heiter werden. Von meinem Flurfenster aus könnte ich stundenlang diesem Chaos zuschauen – wenn man nicht selbst beteiligt ist, ist es sehr amüsant. Dazwischen sehe ich immer wieder die Frauen in ihren farbenprächtigen Kleidern – ich freue mich sehr darauf, diese Stadt näher in Augenschein zu nehmen!
Nachmittags gehe ich kurz in den nicht weit entfernten Markt. Der ist in einer Art ‚Hochgarage’ untergebracht – auf jeder Etage und in jeder ‚Auffahrt’ sind andere kleine Läden angesiedelt. Dummerweise sind die Obst- und Gemüseläden ganz unten und Brot und Milch etc. 3 Stockwerke drüber! Es gibt zwar lange Rampen, damit man keine Treppen steigen muß, aber selbst so dachte ich, dass ich das heute nicht mehr schaffe! Aber letztendlich habe ich ein paar Semmeln, Tomaten, Butter und Milch ergattert und schleiche, schwer schnaufend, wieder zurück zum Hostel. Dort wird mir geraten, mich am besten bald ins Bett zu legen und da morgen vielleicht auch noch zu bleiben und viel Coca-Tee zu trinken, den gibt es hier kostenlos in jedweder Menge! Und dann nicht zuviel vornehmen – sie hätten gerade in der Woche vorher zwei junge Amerikaner ins Hospital einliefern lassen müssen, weil die dachten, La Paz in 2-3 Tagen schnell mal anschauen zu können!
Ich nehme diesen Rat gerne an, esse kurz noch meine Tomatensemmel und dann, bewaffnet mit einer Kanne Tee und 1 ½ l Mineralwassser geht es ab ins Bett!

Donnerstag, 14.4.2011
Geschlafen habe ich ganz gut und fühle mich auch ganz fit. Aber ich bleibe trotzdem erstmal in meinem Bett – die Einheimischen werden schon wissen, was das Beste in der Höhe für mich ist!
Mittags halte ich es aber nicht mehr aus und mache mich auf den Weg, zumindest die Umgebung etwas zu erkunden! Das erste Stück geht es abwärts Richtung Stadtzentrum und meine Kurzatmigkeit hält sich in Grenzen. Ich gehe aber nicht zu weit, weil – ich muß ja alles wieder hochgehen, was jetzt bergab ist :-(!

Einen längeren Stop mache ich in der berühmten ‚Eglesia San Francisco’ bzw. dem angegliederten Museum – die Kirche ist wochentags nur über dieses zugänglich! Das ist eine schöne Oase in der lärmenden Stadt – mehrere Innenhöfe mit Gärten, Blumen, Springbrunnen und Vogelgezwitscher lassen einen vergessen, wo man sich befindet.
Auch das Museum, das in dem ehemaligen Franziskaner-Konvent untergebracht ist, ist überaus interessant und zeigt in einem speziellen Trakt an Hand von Dioramen sehr gut die Geschichte der Stadt – von der Inka-Zeit über die Missionierung, die brutalen Übergriffe der Spanier bis zur Neuzeit. Ansonsten kann man eben das ehemalige Kloster anschauen – teilweise mehr als farbenfroh gestrichen (sogar der Gekreuzigte ist über und über blau angemalt), mit seinem ehemaligen Weinkeller (war hier offenbar nicht anders als überall – in den Klöstern gab es stets den besten Wein und das beste Bier :-)) und auch vielen, teilweise mehrere hundert Jahre alten Ölbildern an den Wänden!
Die Kirche ist dann das Prunkstück der Besichtigung – ein überaus reich ausgestattetes uraltes Gebäude, mit zahlreichen Heiligen-Darstellungen mit kostbaren Kleidern und einem riesigen goldenen Altarraum! Im Chorraum steht ein Buchständer mit einer Bibel aus dem 17.Jh. – völlig ungeschützt! Aber wer soll die schon stehlen – sie ist etwa 40 auf 30 cm groß und etwa 10 cm dick und wiegt bestimmt einiges!


Wieder vor der Kirche schaue ich mir noch den Eingangsbereich genauer an – ein Steinmetz-Kunstwerk ohnegleichen! Verwunderlich ist nur, dass es auch viele Darstellungen in der Portal-Umfassung gibt, die eindeutig indianischen Ursprungs sind (z.B. eine 3-brüstige Gottheit!).
Jetzt geht es langsam wieder zurück – an unzähligen kleinen Ständen vorbei, in denen alles verkauft wird, was der Mensch braucht oder auch nicht! Dummerweise fängt es gerade jetzt zu stürmen und ein wenig zu regnen an – die Frauen haben alle Hände voll zu tun, um ihre kleinen Stände einigermaßen abzusichern dagegen! Kurz vor meinem Hostel hole ich mir in einem Telefonladen noch schnell eine SimCard für mein Telefon – für den Notfall ist es immer gut, ein funktionierendes Telefon bei sich zu haben!
‚Daheim’ angekommen fühle ich mich, als ob ich einen längeren Dauerlauf hinter mir hätte. Ein strafender Blick vom Hostel’vater’ Ruben erinnert mich daran, dass ich wohl auch ein wenig zu übermütig gewesen bin! Schnell noch ein paar Cup Noodles gegessen und ein wenig mit zwei deutschen jungen Frauen im Internet-Raum geschwätzt und wieder ab ins Bett!

Freitag, 15.4.2011
Heute werde ich mich einer neuen ‚Herausforderung’ stellen – ein Besuch in einer Tour Agency in einer der steilen Straßen gegenüber meines Hostels. Die beiden jungen Frauen gestern hatten mir so von einem Ausflug in den Amazonas-Dschungel vorgeschwärmt, dass ich mir das auch vorgenommen habe (hätte auch den Vorteil, dass ich wieder für eine Weile der Höhe ‚entrinnen’ könnte). Ich hatte mir einen Prospekt davon schon bei meiner Ankunft angeschaut, aber war mir nicht sicher – aber jetzt mit dem ganz aktuellen Erfahrungsbericht würde ich das schon gern machen!
Den Weg hinauf, teilweise über Treppen, gehe ich ganz gemütlich an! Das lässt sich auch fast nicht vermeiden – gibt es doch soviel zu sehen und zu bestaunen dabei! Anfangs reiht sich ein Sportgeschäft an das andere – der Großteil des Angebotes besteht jedoch aus einem mannigfaltigen Angebot an Pokalen jeder Art! Es ist auch hier wieder so, wie schon in Argentinien – Konkurrenz belebt das Geschäft! Es versammeln sich stets eine große Anzahl Geschäfte mit dem gleichen Angebot in unmittelbarer Nachbarschaft! An der nächsten Steigung erwarten mich dann die ‚Hexen’- oder Zauberläden! Ein Sammelsurium von allem und jedem, das für oder gegen alle mögliche Zwecke und Gebrechen gut ist! So werden hier z.B. getrocknete Lama-Föten angeboten – das soll Glück bringen, wenn sie in ein neues Haus eingemauert werden! Dann gibt es allerhand Teller, die bunt belegt sind mit Süßigkeiten und/oder Kräutern etc. – das wird alles als Glücksbringer verbrannt, wenn etwas Neues angeschafft (ein Haus, ein Auto, ein Motorrad etc.) oder eine neue Stelle oder eine längere Reise angetreten wird!

Unmengen von Kräutern, getrocknet oder frisch liegen außerdem herum, auch getrocknete Kakteen – verbrannt eine gute Hilfe gegen missgünstige Nachbarn. Eine unübersehbare Menge von irgendwelchen Glücksbringern aus Ton und dgl. rundet das Angebot ab – und ein paar Heiligenfiguren, Magnete mit Pater Pio oder diversen Päpsten, gibt es dazwischen auch! Fotografieren darf man das alles auf keinen Fall, dann geht die Wirkung angeblich verloren… Ich hoffe mal, daß das jetzt hier nicht der Fall war :-(!
Besonders witzig finde ich ein Wandgemälde, daß einen fliegenden Händler zeigt – obwohl hier weit und breit nur Frauen mit dem Handel beschäftigt sind, wird dann bei sowas doch ein Mann dargestellt – alte Machos :-)!
In der nächsten und letzten ‚Etage’ finde ich mich inmitten von Souvenirläden, Outdoor-Ausrüstern und Tour Agenturen. Die Souvenirläden haben hauptsächlich die ‚original Indio-Strickwaren’ im Angebot, die ich schon von allen bisher besuchten Plätzen im Norden Argentiniens kenne (heute sah ich sogar einen großen Karton in einem der Läden herumstehen mit der Aufschrift „Knitware – made in China“!!!). Die Outdoorläden sind unverschämt teuer – vor allem, wenn man das sonstige Preisgefüge hier vor Augen hat. Bei den Tour Agenturen habe ich GottseiDank nicht die Qual der Wahl – diesen Trip ins Amazonas-Gebiet bietet nur eine an! Dort empfangen mich eine Frau und ein junger Mann sehr freundlich wir arbeiten zusammen einen Plan für mich aus: Ich werde am Sonntag früh nach Rurrenabaque fliegen, einem winzigen Städtchen, von wo aus die Boote zum Naturpark starten. Dort kann ich mittags das Boot nehmen und sollte dann während des Nachmittags an Ort und Stelle sein. Mir wird noch eine ‚Packliste’ mitgegeben, auf dem u.a. ‚2 pairs of closed shoes – no sandals!’ stehen. Ich habe ja nur meine leichten Wanderschuhe mit, also werde ich mir noch ein Paar Sneakers kaufen müssen! Zusätzlich können sie mir auch einen Taxifahrer vermitteln, der mit mir morgen ins etwa 80 km entfernte Tiwanuaku fährt – einem kleinen Ort, der durch umfangreiche Ausgrabungen eines Vor-Inka-Reichs bekannt geworden ist. Der wird mich morgen früh am Hostel abholen und hinfahren, mich in Tiwanuaku einem örtlichen Guide übergeben für einen Rundgang und mich dann wieder nach Hause bringen – das Ganze zum ‚stolzen Preis’ von gerade mal 30€! Eigentlich wäre das gar nicht möglich gewesen, weil für morgen ein großer Streik angesagt ist, währenddessen auch der ‚Highway’ bzw. die Mauthäuschen dort geschlossen sind. Wir fahren aber bereits um 7h morgens ab, damit wir dem zuvorkommen! Das heißt also schon wieder mal „früh aufstehen“!
Gleich ein paar Häuser weiter schaue ich in dem ersten Outdoorladen nach Turnschuhen – aber die billigsten dort wären 80€, mit ein wenig Handeln würden sie noch 60€ kosten! Beides ist mir jedoch zu teuer – ich werde die Schuhe ja nach meinem Ausflug nicht weiter mitnehmen, sondern im Hostel stehen lassen (ich hätte gar keinen Platz dafür in meinem Gepäck!). Die beiden Verkäuferinnen lassen jedoch nicht locker! Einen jungen Mann, der nur eine Frage an die beiden hat, schickt mir der Himmel – er spricht leidlich Englisch! Ich erkläre ihm, warum ich diese Schuhe nicht kaufen möchte und er sagt nur ‚komm, da gibt es einen anderen Laden, wo wir Einheimischen kaufen’. Da es helllichter Tag ist und die Straße voller Menschen, gehe ich auch mit ihm mit und etwa 2 Blocks weiter befinde ich mich in einem ganz normalen Schuhladen. Ich gebe ihm etwa 1€ Trinkgeld für seine Hilfe, was er erst gar nicht annehmen will, aber dann zieht er doch mit leuchtenden Augen ab damit. Hier im Laden finde ich ein paar schwarze Turnschuhe für knapp 15€ – das investiere ich dann halt! Gleich neben dem Schuhgeschäft fangen die Geschäfte mit Karnevals-Bekleidung an – viele sind die geschlossen, nur die mit den Kinder-Verkleidungen sind geöffnet (‚verkleiden‘ ist für Kinder halt ganzjährig ein Riesenspaß!). Soviele mehr als phantasievolle und auch mehr als billige Kostüme. Hier darf ich ein Foto machen, die beiden jungen Verkäuferinnen gehen derweil hinter dem Tresen ‚in Deckung‘ :-)!
Nun aber genug ‚Abenteuer’ für heute – langsam gehe ich wieder zum Hostel zurück, bergab geht das aber einfach! Bei einem kurzer Schlenker über den Markt kaufe ich noch ein wenig Gemüse und Eier für das Abendessen heute und gehe bei dem Telefonladen vorbei, wo ich gestern meine SimCard gekauft hatte! Ich bekomme ständig Nachrichten von dem Provider, dass ich mich registrieren muß – aber die junge Frau dort hatte das eigentlich gestern getan (zumindest hat sie meinen Namen und die Passnummer in den Computer eingegeben). Heute ist ein junger Mann an ihrer Stelle dort – er überprüft noch mal alles, aber die Registrierung ist eingetragen! Ich soll mich einfach nicht weiter darum kümmern…

Samstag, 16.4.2011
Heute also ein Tagesausflug über Land! Schon die Fahrt ‚hoch’ nach El Alto, dem Stadtteil von La Paz, der auf der Hochebene rund um den Flughafen entstanden ist, ist wieder mehr als interessant! Bloß gut, dass wir so früh gestartet sind – es geht nämlich dort oben nur langsam voran! Überall sind Straßenmärkte – es ist halt Samstag! Für mich ist das natürlich wunderbar – es gibt soviel zu sehen, wenn auch wenig zu fotografieren – dafür sind zu viele Autos neben uns unterwegs! Immer wenn ich ein schönes Motiv gehabt hätte, hat sich schnell wieder ein Auto dazwischen geschoben! Wir sind zu dritt – zu Martin, dem Taxifahrer hat sich noch Luis, der junge Mann aus der Agentur gesellt. Er war noch nie in Tiwuanaku (ist wohl wie bei uns, dass man die eigene Gegend am Besten kennen lernt, wenn man Gäste hat :-)) und nutzt den Tag heute, um es kennen zu lernen. Für mich ist das ein Riesenvorteil – vor Ort werde ich nämlich einen eigenen Guide haben, der jedoch auch nur spanisch spricht, so wird Luis dann helfend eingreifen können.
Als wir die Stadtgrenze verlassen, wird es ganz schnell bäuerlich um uns herum! Das Mauthäuschen ist noch besetzt, wir haben offenbar die richtige Zeit gewählt! Wobei der Highway eigentlich mehr eine „Landstraße“ ist und nicht mal eine bessere, aber es ist die direkte Verbindung zum Titicaca-See und da gibt es natürlich einige Einnahmen. Die Maut ist gering – gerade mal etwa 80€Cent pro Auto, aber bei der Menge der Auto und besonders Busse, die mehr bezahlen müssen, läppert sich das dann wohl!
Überall um uns herum hängen noch tief die Morgennebel über der Hochebene, die aber inzwischen leicht von Hügeln durchsetzt ist.

Auf den Feldern ist jedoch schon reger Betrieb – überall ist die Kartoffelernte in vollem Gang. Es wird hier alles noch von Hand gemacht – also mit Hacken den Boden lockern und dann die Kartoffeln herausklauben! Für die Feldbearbeitung ansonsten habe ich bisher immer nur Ochsengespanne gesehen – manchmal auch noch Männer, die selbst einen Pflug zogen, den ein anderes Familienmitglied dann geführt hat!
Ich habe noch nie so viele verschiedene Kartoffelsorten gesehen, wie hier in La Paz: Rote, schwarze, violette, orange, braune, gelbe, lange schmale, dicke runde und ganz riesige (etwa in der Größe einer einer kleinen Honigmelone!). Ich wollte diese Vielfalt einmal bei einer Kartoffelverkäuferin fotografieren – aber schon auf meine Frage hin, ob ich das darf, hat sie mich gleich mit ein paar davon beworfen :-(!
Es ist eine schöne Gegend hier – die grünen Felder ziehen sich manchmal noch an den Hügeln entlang hinauf in Höhe. Man stelle sich das vor – Bauernland auf dem Mont Blanc… Die meisten der Bauernhöfe sind sehr klein. Mehrere Adobe- (Naturziegel)Häuser, oft noch mit Reet gedeckt, gruppieren sich um einen zentralen Hof. Unmittelbar neben den Häusern weiden – angebunden – die Kühe, Schafe oder Ziegen. Auch die Getreideernte ist wohl gerade erst gewesen, manchmal sieht man vor den Höfen oder auf den kleinen Feldern noch ‚Kornmand’l’ stehen – also aufgestellte Getreide-Garben. Es sind auch immer wieder größere Gruppen von Leuten zu sehen, die mit schweren Lasten und Tieren im Schlepptau auf dem Weg ins nächste größere Dorf sind – auch dort scheint heute Markttag zu sein! Wie mir Martin erklärt, wird bei den ‚Aymara‘ der Hauptbevölkerungsgruppe hier, seit Jahrtausenden das Land in Gemeinschaft bebaut! Also alle helfen bei jedem mit – die Reihenfolge, wessen Felder wann drankommen, wird beim Fest der Tag-und-Nacht-Gleiche im September (also dem Frühjahr hier) bestimmt!

Bei einem ‚mirador’ hält Martin an, um mir den Blick bis fast an den Titicaca-See zu ermöglichen! Es ist wirklich erstaunlich, wie die Weitsicht hier in der Höhe durch die dünne Luft und die geringe Umweltbelastung ist!
Kurz vor 9h kommen wir in Tiwanuaku an – das Museum öffnet erst um 10h und das Lokal, wo wir frühstücken wollen, erst um 9h. Also machen wir noch einen kurzen Stadtrundgang davor. Tiwanuaku ist ein kleines Städtchen, das wohl schon seit langen Zeiten der Mittelpunkt hier in der Gegend ist. Die Plaza im Stadtzentrum wird, wie überall von Häusern (hier besonders farbenfroh), dem Cabildo und der Kirche begrenzt – hier hat es jedoch die Besonderheit, dass die 4 Straßen in den Ecken jeweils durch einen Torbogen in die Stadt führen!

Das Bürgermeisteramt (heute Municipalidad) ist ein relativ modernes Gebäude, die Kirche jedoch ist schon aus dem 16.Jh.! Von der Plaza-Seite aus wirkt sie relativ klein – der Glockenturm kompakt und gedrungen! Erst von weitem kann man sehen, wie riesig dieses Gotteshaus ist! Auch innen sehr beeindruckend, wie viel großformatige Ölgemälde aus der Zeit dort noch hängen und wie überaus reichlich sie ursprünglich ausgestattet gewesen sein muß!

Heute ist alles ein wenig herunter gekommen – was man bei der Armut Boliviens insgesamt und vor allem auf dem flachen Land gut nachvollziehen kann. Hier ist erstmal das eigene bescheidene Fortkommen wichtig, ehe man größere Summen (und die wären hier nötig!) in die Restaurierung der Kirchen stecken kann! Leider ist es hier auch so wie überall, dass die Kirchen in den Großstädten natürlich ganz anders gepflegt sind! Für mich einigermaßen unverständlich ist jedoch, dass man solche Kleinode wie z.B. diese hier nicht durch Zuschüsse aus dem Vatikan vor dem Verfall bewahrt…

Der Staatspräsident kommt einmal im Jahr hierher, um im September die Tag-und-Nacht-Gleiche zu feiern und ‚pachamama’ (Mutter Erde) um ein fruchtbares Jahr zu bitten. Ich weiß nicht, ob Evo Morales (der erste indigene Präsident in Süd-Amerika!) wirklich noch an die Naturgeister glaubt oder ob das nur ein guter Marketing-Schachzug ist, damit die mehrheitlich indigene Bevölkerung ihn bei der nächsten Wahl oder auch Volksabstimmung wieder im Amt bestätigt. Er ist ja wohl sehr umstritten in der Bevölkerung – seine eher ‚sozialistische’ Politik findet bei vielen Intellektuellen und vor allem dem finanzstärkeren Teil der Bevölkerung natürlich nicht unbedingt Zustimmung. Er hat z.B. einen Großteil der Bergwerke und Erdöl-Förderstätten verstaatlicht (Bolivien hat relativ viel Bodenschätze, deren Erträge bis dahin natürlich nicht unbedingt hier im Land geblieben sind) und tut wohl einiges, damit es den einfachen Leuten etwas besser geht! Andererseits sind die Demonstrationen, die seit einigen Tagen stattfinden, eine Reaktion darauf, dass er die staatlichen Löhne weiter kürzen will – erst im letzten Jahr wurden sie um 6% gesenkt, jetzt sollen weitere 16% folgen! Aber bis auf ein paar kleine Informationen vom Hostel-Besitzer (ist eher contra) und Martin und Luis (sind eher pro), weiß ich leider zu wenig über die Politik hier und kann mir kein wirkliches Urteil erlauben.

Jetzt geht es zurück zum Museumsgelände, um in einem kleinen Restaurant dort zu frühstücken. Es wird zwar groß vermeldet, dass sie ‚Desayuno’ anbieten – letztendlich sieht das so aus, dass wir Tee und Marmeladetoast bekommen. Die Omeletts auf der Karte (wie auch diverse Sandwiches und dgl.) gibt es nicht (der Koch ist noch nicht da…). Aber so geht das schnell und das ist gut so – Elias, unser Guide, kommt nämlich gerade angeradelt. Er ist ein studierter Anthropologe (für den es jedoch keine andere Arbeit hier gibt), der ganz und gar für seine Arbeit als Guide hier aufgeht! Voller Stolz und noch mehr Fachwissen zeigt er uns während über 2 Stunden das ganze Gelände und macht uns auf viele, viele wichtige Kleinigkeiten aufmerksam!
So sind z.B. alle Steine, alle Eingänge, alle Tür- und Tor-Rahmen, natürlich auch alle Gebäude an sich immer total rechtwinklig und alle Mauern sind auch heute noch genau in der Fluch – wie immer das diese Kultur (prä-Inca, ca. 1000 v.Chr.-1100 n.Chr.) damals schon bewerkstelligte. Überall ist die Zahl 7 vorherrschend – z.B. sind immer sieben Treppen oder – bei der zentralen Pyramide – sieben Stockwerke gewesen. Alle Bausteine für die Mauern sind total glatt geschliffen (was mit ‚Stein auf Stein und viel Wasser’ bewerkstelligt wurde) – seidenglatt die Oberflächen in den Mauern auch heute noch! Wir bekommen den ‚Opferplatz’ zu sehen und den großen Tempel und seine Bedeutung genau erklärt.



Überall im Gelände, vor allem auch in der Tempelmauer sind vorzeitliche ‚Megaphone’ aus großen Steinblöcken installiert, die auch heute noch hervorragend funktionieren: Ganz normal gesprochene Sätze hallen laut über das ganze Gelände! Es gibt immer wieder in den Steinquadern eine Art ‚Hyroglyphen-Schrift’, die jedoch bis heute nicht entziffert werden konnte! Die Mauer um den großen Tempel ist an der Stirn- und Rückseite aus weißgrauem Gestein, an den Seiten aus rötlichem! Jeder Stein sitzt passgenau auf, neben oder zwischen den anderen (ohne Mörtel oder dgl.).
Es ist bisher erst etwa 1/10 der gesamten Anlage freigelegt – für mehr fehlt das Geld bzw. auch für die weitere Konservierung freigelegter Bereiche (solange sie unter Erde begraben sind, sind sie keiner weiteren Erosion ausgesetzt und damit geschützt).
Der nächste Besuch gehört dem Museum – es ist erst 10 Jahre alt und fängt schon überall an, erste Verfallserscheinungen zu zeigen, die alten Baumeister waren da ganz eindeutig besser! Dort sind unzählige Fundstücke aus der Zeit ausgestellt – Küchengeräte, Schmuck (aus Silber und Gold), Waffen, Kleiderreste, eine Mumie (die Toten wurden sitzend in Jutesäcken beigesetzt), Reste von Pflanzen und Samen etc. etc.. Der Mittelpunkt des Museums jedoch ist die Statue einer Gottheit, die 7 m hoch ist und etwa 80 cm im Durchesser und aus einem einzigen Monolithen gemacht wurde!
Der Abschluß unseres Rundgangs führt uns noch zu einer Ausgrabungsstätte eines ehemaligen Wohngebietes, etwa 600 m von der Tempelanlage entfernt. Hier können wir die Grundmauern, Teile der Kanalisation, viele Fenster und Türrahmen und eine Reihe von Mauerresten sehen. Hier kann man auch gut erkennen, wo die ‚Ecksteine’ der Mauern mit großen Bronzeklammen verbunden waren – zumindest die Aussparungen für diese Klammern sind noch sehr gut zu erkennen!

Weder die Tempelanlage noch die Wohnstadt lassen sich irgendwann noch einmal ganz rekonstruieren – die gesamt Anlage wurde durch die Spanier Ende des 16.Jh. bewusst zerstört und viele der Steine zum Bau der örtlichen Kirche und der damaligen Häuser für die ‚Besatzungsmacht’ verwendet! So gibt es auch in der Kirchenmauer noch einige Quader, die mit Hyroglyphen versehen sind!
Was für ein überaus interessanter und kurzweiliger Tag. Auch Luis ist total begeistert davon, was in unmittelbarer Umgebung seiner Heimatstadt für Schätze zu finden sind. Er ist zwar, auf dem Weg nach Copacabana am Titicaca-See, schon unzählige Male hier vorbei gefahren, hat aber noch nie den Abstecher hierher gemacht! Wir verabschieden uns mit vielen Dankeschöns von Elias und es geht zurück auf die Straße nach La Paz.

Jetzt bei Sonnenschein sieht die Landschaft natürlich um vieles lieblicher aus als heute morgen im grauen Morgennebel – überall ist immer noch geschäftiges Treiben zu sehen!

Die Fahrt vergeht wie im Flug und bald schon sind wir wieder an der Mautstation. Dort ist jetzt auch Polizei, die meinen Pass kontrolliert – sehr freundlich und höflich!



Die beiden setzen mich vor dem Hostel ab – ich engagiere Martin noch schnell für morgen früh für die Fahrt zum Flughafen! Er ist so ein netter Fahrer und hat so viele zusätzliche Informationen über Stadt und Land für mich – diese ‚Quelle’ möchte ich gern noch ein wenig anzapfen!
Ich muß noch mein Gepäck für die nächsten Tage ‚umpacken’ – ich werde ins Amazonas-Camp nur meinen kleinen Rucksack mitnehmen und das restliche Gepäck hier im Hostel einstellen. Für nach meiner Rückkehr habe ich noch 2 Folgenächte hier gebucht, ehe ich dann weiter nach Sucre fliegen werde

Eine Antwort zu La Paz zum Ersten!

  1. Sohn #2 schreibt:

    Ja sowas, der INRI in blau! Auch ne Möglichkeit!
    Und ich weiß jetzt, daß ich nach Südamerika muss, Zug fahren, glatte Steine gucken und kurzatmig werden.
    Mal sehen. wann’s dann soweit ist
    der Sohn #2

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