Die weite Welt auf engem Raum

20.11.2010
Heute scheint mir beim Aufwachen die Sonne ins Gesicht – so lasse ich mir das gefallen! Schnell aus dem Bett und unter die Dusche! Es ist zwar wieder Abreisetag, aber ich möchte so früh wie möglich los, damit ich mir noch das Botschaftsviertel hier in Canberra anschauen kann und das ‚Blundell’s Cottage’, das einzige noch verbliebene original Gebäude aus der ‚Vor-Hauptstadt-Zeit’!
Mein Frühstück, frisches Obst und Joghurt, steht schon fertig auf dem Tisch! Nach einer kurzen Unterhaltung mit Adam mache ich mich aber sofort auf den Weg – der Wetterbericht sagt für den weiteren Tagesverlauf wieder Schauer voraus…
Das ‚Australian War Memorial‘ schaue ich mir nur von außen an – ein ziemlich gigantischer Bau! Genau unter dessen Kuppel befindet sich das ‚Grab des unbekannten Soldaten’, wo wirklich die Überreste eines nicht identifizierten australischen Soldaten aus dem 1.Weltkrieg bestattet sind – als Symbol für die bisher mehr als 100.000 Australier, die in kriegerischen Auseinandersetzungen ihr Leben lassen mussten!

Vom Memorial geht es über die ‚Anzac Parade’ – einem breiten Boulevard, der von Gedenk-Stätten für die Organisationen versehen ist, die Mitglieder in den Kriegen verloren haben: Heer, Luftwaffe, Marine, Rotes Kreuz, private Krankenschwestern-Organisationen, Pfadfinder etc. – weiter zu dem winzigen Cottage! Es ist inzwischen ein kleines Museum mit wunderschönen alten Erinnerungsstücken an die alte Zeit! Zwei ziemlich junge Frauen, die dort ein wenig die Aufsicht haben, zeigen mir einige besondere Exponate: Eine Kartoffelpresse, einen Nachttopf (mit deutscher Aufschrift ‚Für’s kleine Geschäft’) und einen Entsafter-Topf – und sind über alle Maßen erstaunt, dass ich weiß, was das alles ist bzw. für was es genutzt wurde! Für sie sind das Dinge aus einer anderen Welt und sie haben sich das alles erst erklären lassen müssen, damit sie es jetzt den Besuchern erklären können! Und noch mehr überrascht waren sie, dass ich eine Kartoffelpresse immer noch benutze – sie haben zwar von ‚German potatoe dumplings’ schon gehört, aber noch nie welche gesehen, geschweige denn, gegessen!

Jetzt wird es aber höchste Zeit für Yarralumla, den Stadtteil der Botschaften! Eine steht hier neben der anderen, manche haben ihren Platz vorläufig erst reserviert. Es sind manchmal ausgesprochen sachliche Gebäude, manchmal aber auch eindeutige Hinweise auf die Länder, die dort residieren! Ein wirklich lohnender Ausflug!


Es ist bereits später Vormittag, als ich mich auf den Weg weiter nach Süden mache! Eine herrliche Straße wartet auf mich, fast ein bisschen wie durchs bayerische Oberland im Frühling, die immer wieder die Aussicht auf die hohen Berge, die noch ein Stück entfernt sind, möglich macht! Es ist bäuerliches Land hier, es gibt überall weidende Rinder zu sehen oder abgemähte Felder. Beeindruckend sind für mich die als Windschutz gepflanzten hohen ‚Hecken’ von dicht stehenden Kiefern und Zedern auf den Feldern, die natürlich auch unzählige Nistplätze für Vögel ermöglichen.
Mit mir sind auch viele Motorradfahrer unterwegs, die diesen herrlichen Samstag für einen Ausflug nutzen! Meine Mittagspause findet am Wegesrand in einem ‚Pancake House’ statt. Dort gab es auf der Karte auch ‚Kaiserschmarr’n’, aber der war leider heute nicht zu haben :-(! Dafür gab es ‚crèpes’ in allerlei Variationen – ich fand aber, das waren eher richtig deutsche ‚Pfannkuchen’, eben nicht so dünn wie richtige ‚crèpes’. Aber gefüllt mir Aprikosen und dazu Eis und Sahne haben sie, egal was es war, einfach göttlich geschmeckt!
Ich habe einen der beiden Tische auf der schmalen Veranda mit einem Motorradfahrer geteilt – wäre ich nicht mit dem Auto da gewesen, hätte ich wieder einen kleinen Trip machen können! Das Leben hält halt immer wieder Überraschungen bereit…
Beim Weiterfahren sehe ich dann die erste Schlange während der ganzen Australienreise bisher
Da ich ganz gut in der Zeit bin (ich habe mich bei meinen CouchSurfing-Gastgebern erst für heute Abend angesagt), mache ich von Cooma aus doch noch einen Ausflug tiefer in die ‚Snowy Mountains’, in die Skigebiete, die ungefähr bei Jindibaya anfangen.

Schon von weitem sieht man die Schneereste auf den höheren Bergen, die hier bis zu 2.200m hoch sind und damit die höchsten in Australien. Von Juni bis September sind sie ein beliebtes Wintersport-Ziel für die Bevölkerung des ganzen Landes!
Die Fahrt ist einmalig schön! Erst geht es durch eine Landschaft von Steinen – überall auf dem Gelände verstreut liegen sie wie riesige Kiesel herum, dazwischen weiden immer wieder Schafe! Die relativ kleine, gewundene Straße geht stets bergauf, bald auch durch dichten Wald, bis man über eine Kuppe fährt und plötzlich einen riesigen (Stau-)See vor sich sieht – sieht aus wie der Achensee! Und nicht nur das – auch ein ‚Tyrolean Village’ gibt es dort! Müssen wohl heimwehkranke Tiroler gewesen sein, die sich dort niedergelassen haben…


Am See vorbei fahre ich jedoch weiter in die Berge hinein – ich wollte doch mal die Skigebiete sehen. Aber leider befinden die sich im „Mt. Kosciuszko National Park“ und das hätte Eintritt gekostet – das spare ich mir dann doch! Aber ich war noch am ‚Bergbahnhof’, wohin während der Saison Skizüge von den großen Städten hier im Osten Australiens fahren. Von dort geht es dann per Bus oder privatem Transport weiter zu den Liftstationen.

Im Moment ist alles ringsherum grün und die Blumen blühen überall. An den Straßen entlang sieht man jedoch eindeutige Zeugnisse der Winterzeit, aber auch der hiesigen Tierwelt!

Der Weg zurück führt an vielen Bergbauernhöfen und ‚Almen’ vorbei, die ein bisschen anders aussehen, als in den europäischen Alpen!
Auch den Hinweis zu einer ‚Schnappsbrennerei’, aber das ist ja für mich keine wirkliche Versuchung 🙂 ! Aber interessant, dass dafür kein eigenes englisches bzw. australisches Wort verwendet wird! Ständig überholen mich nach wie vor Gruppen von Motorradfahrern – das ist auch wie bei uns an einem schönen Frühlings- oder Sommer-Wochenende!
Ein ganzes Stück vor Cooma sehe ich plötzlich ein Straßenschild nach Bombala, wo ich heute übernachten werde. Die Straße ist auf meiner Karte gar nicht eingezeichnet, aber ich biege trotzdem ab. ‚Gravel roads’ werden normalerweise angeschrieben und hier stand nichts dabei. Und das war ein toller Entschluß – eine einsame Straße durch eine traumhafte Landschaft wartete auf mich. Erst ging es noch durch ein paar Dörfer mit überraschenden Ein- und Ausblicken!

Dann wurde es aber so „leer“, wie ich es mir hätte hier nicht vorstellen können! Endlose grüne Hügel fast ohne Baum und Strauch – nur hin und wieder einer Schafherde! So stelle ich mir Irland vor! Ganz selten mal ein (meist unbewohntes) Gebäude oder die Reste davon , ein entgegenkommendes Auto oder ein Baum, immer wieder jedoch Bachläufe und an dessen Ufern dann auch ein wenig Gebüsch! Plötzlich jedoch mitten in der Ödnis eine Bahnstation! Wie die daneben noch sehr gut erhaltenen Verlade-Gatter zeigen, war (oder ist?) das wohl eine Verladestation für Schafe! Ich kann jedoch bei der Weiterfahrt nirgends Schienen entdecken – vielleicht werden die Gatter heute nur noch für die Verladung auf Lastwägen genutzt? Wie ich später erfahre, ist die Station ein Überbleibsel der Bahnstrecke, die bis weit in die 90er Jahre hinein von Canberra bis Bombala führte, hauptsächlich in der Tat für Viehtransporte genutzt und zur Versorgung der abgelegenen Stationen und Ortschaften – die Straße, auf der ich fuhr, gab es damals nämlich noch garnicht!
Hier könnte ich noch stundenlang weiterfahren, aber der Nachmittag neigt sich dem Ende zu! Langsam ändert sich die umliegende Landschaft auch wieder und plötzlich bin ich auf der Einmündung zur Hauptstraße. Jetzt sind es nur noch 20 km bis zu meinem heutigen Ziel – einer Familie mit 3 halbwüchsigen Kindern in einer typischen Kleinstadt, wieder in New South Wales! Bombala ist winzig, entsprechend schnell finde ich auch zur angegebenen Adresse – Kim, meine Gastgeberin erwartet mich schon in ihrem Vorgarten voller wunderschöner Rosen! Beim Betreten des Hauses bleibt mir fast der Atem weg – ein ewig langer Flur liegt vor mir, gesäumt mit links und rechts großen Zimmern. Die sind wunderschön mit Stuck verziert und mit original Möbeln und Zubehör eingerichtet! Das Wohnzimmer ist riesig, die Küche ebenso! Hinten in den Hof und um das Haus herum wird gerade ein ausladendes Deck gebaut, das später ein Wintergarten werden wird!
Auch das dazu gehörige Grundstück ist grandios – es gibt im hinteren Teil noch mal ein kleines, ehemaliges Dienstbotenhaus, das leider noch keine Toiletten und Bäder hat. Ansonsten hätte ich das ganze Häuschen bewohnen können :-)! Ein Traum!

Die ‚Führung’ durch Haus und Garten machen Kim und Mark, ihr Ehemann, gemeinsam mit mir. Danach geht es in die Küche und wir bereiten zusammen das Abendessen vor: Hühnchen mit Süßkartoffeln, Gemüse und Salat! Ich hatte noch ein paar Tomaten und Avocados, das konnte ich gut beisteuern!
Nach dem Essen sitzen wir noch eine Weile zusammen und ich erfahre, dass die Familie vor 2 Monaten ihren ältesten Sohn und Bruder ganz plötzlich verloren hat. Er starb im Alter von gerade mal 18 Jahren während der Arbeit an einer Herzkrankheit, von der keiner vorher wusste! Es ist bewundernswert, wie gefasst und gelöst die Familie mit diesem Schicksalsschlag umgeht, obwohl ihnen anzumerken ist, wie sehr ihnen allen Jesse fehlt!
Mein Bett wird mir im Wohnzimmer vor dem alten Kamin zurecht gemacht: Eine sehr große Matratze und herrliche Bettwäsche über Daunen lassen mich schnell und selig einschlummern!

5 Antworten zu Die weite Welt auf engem Raum

  1. Barbara schreibt:

    Liebe Christine, deine Berichte lesen sich ganz toll und ich keine meine eigene Abreise schon gar nicht mehr erwarten. Ich hoffe du hast weiterhin viele schöne Erlebnisse und eine wunderbare Zeit. Vielleicht sehn wir uns ja doch noch irgendwo in DownUnder! lg Barbara

    • grannyontour schreibt:

      Hallo Barbara, ich bin gerade auf der Great Ocean Road unterwegs – unbeschreiblich schön! Ab dem 2.12. in Adelaide bis 5.12., dann im Ghan bis 6.12. nach Alice Springs. Dort werde ich voraussichtlich 4 Tage sein, um einen Abstecher ins Outback zu machen. Und dann weiß ich noch nicht genau, was ich mache – entweder ich nehm mir nochmal ein Auto und fahre damit zurück nach Adelaide oder mit dem nächstmöglichen Zug oder mit dem Flieger direkt Richtung Osten – mal sehen! Aber Du hast ja meine Nummer – hin und wieder wirst Du mich erreichen können, auch in der „Telekommunikationswüste“ Australien! Liebe Grüße und gute Reise!

  2. Felicitas schreibt:

    Hallo Christine,

    voller Neid – aber vor allem mit großer Bewunderung – verfolge ich deine Reise. Die Great Ocean Road sind wir 2008 abgefahren und ich kann deine Begeisterung voll teilen. Adelaide allerdings hat mir nicht so gut gefallen. Trotzdem hoffe ich, dass du für deinen morgigen Geburtstag ein entsprechendes Ambiente findest und deinen Ehrentag und den Start in ein weiteres positives, aktives, spannendes und gesundes Lebensjahr gebührend feiern kannst.
    Viele liebe Grüße und Wünsche aus dem tief verschneiten München sendet dir Felicitas

    • grannyontour schreibt:

      Danke, liebe Felicitas – das ist ja rührend, daß Du an meinen Geburtstag gedacht hast! Adelaide finde ich ziemlich schön – vielleicht auch nur, weil hier endlich mal wieder so richtig Sommer ist! Liebe Grüße, auch an Deinen lieben Mann!
      Christine

  3. Monika Werner schreibt:

    Hallo, liebe Christine, heute habe ich mir ganz fest vorgenommen, Deine letzten Berichte zu lesen, um mit meinen Gedanken an Deinem Geburtstag bei Dir zu sein.Ich wünsche Dir weiterhin alles Glück der Welt auf Deiner tollen Reise. Bleibe vor allem gesund und immer auf dem richtigen Weg. Ich freue mich auf das weitere Lesen und vor allem, wenn Du erst wieder zu Hause bist! Ich habe doch schon ein bischen Sorge bei den vielen Überraschungen, die Du da erlebst. Ganz liebe Grüße auch von Konrad,

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s